Norwegen und Schweden streiten
um die Rechte der Sámen
Nur ein Renweidekonflikt
oder gezielte Diskriminierung der Urbevölkerung?
Von Liane Gruda, Nils Torbjörn Nutti und Hans-Joachim Gruda
geschrieben im Oktober 2006
Die Sámen sind eine ethnische Minderheit im Norden Norwegens, Schwedens und Finnlands (und auf der russischen Kohlahalbinsel) - sie sind dort die Ursprungsbevölkerung. Sie haben Rechte, die ihnen die UN-Konvention ILO 169 und nationale Gesetze garantieren. So können Samen in den nördlichsten Gemeinden Schwedens wählen, ob sie ihre Kinder in einen samischen Kindergarten und auf eine samische Schule schickem möchten, oder auf eine schwedische und vor den Behörden in den samischen Gebieten hat jeder Same das Recht, seine Angelegenheiten in samischer Sprache vorzubringen und er hat Anspruch auf eine behördliche Antwort in seiner Sprache. Starke kulturelle Identifikation geht für die schwedischen Samen noch heute von der Renzucht und allem damit Zusammenhängenden aus.
Noch immer ziehen die samischen Renhirten mit ihren Tieren zu den Sommerweiden im Gebirge und auf den Tundren und kehren im Winter zurück in die Wälder des Mittelgebirges und des Flachlandes. Dass dies auch ein Zug über die schwedisch-norwegische Grenze darstellt, interessiert weder die Rentiere noch ihre Hirten! Das Recht der schwedischen Samen zur Sommerweide in Norwegen ist seit 1751 im Lappkodicillen, einem Vertrag zwischen den beiden beteiligten Königen, geregelt - und es gilt noch heute. So sind die Kälbermarkierungen im Sommer in Norwegen und die Schlachtungen im Herbst und die Scheidungen der Herden im Winter traditionelle und traditionsreiche Sammel- und Fixpunkte im Laufe des Renzüchterjahres.
Übergriffe des norwegischen Staates durch
"Norwegisierung" und"Wohlfahrtspolitik"
Doch der norwegische Staat dreht an den Verträgen! Als im Juli 2006 die schwedischen Samen der Wirtschaftsgemeinschaft Saarivouma Sameby zur Kälbermarkierung am See Altevatn in Norwegen ihr dortiges Rengehegein Betrieb nehmen wollten, um die Herden dort zusammen zu treiben, fanden sie ihren Zaun nicht mehr vor! Die norwegische Polizei hatte ihn im Auftrag der Renweidebehörde mit einem Helikopter abtransportiert. Die Samen sehen hierin mehr als nur einen Konflikt um Renweiderechte; der Renzüchter Bierra-Nisse erzählt:
"Ich bin Same aus Saarivouma Sameby; wir betreiben Renzucht im Gebiet von Altevatn, Bardu und Dividal/Anjavass in Troms Fylke Norwegen. Das Land dort wird von uns als Sommerweide genutzt. Es geht in diesem Konflikt um dieses Land, auf dem heute sowohl norwegische als auch schwedische Samen grenzüberschreitend Renzucht betreiben. Wir haben unsere Wohnsitze und unsere Herden im Winter im Gebiet Soppero in Schweden. Die Samen von Saarivouma und anderen Wirtschaftgemeinschaften ("samebyar") in Schweden haben seit undenklichen Zeiten Land auf der norwegischen Seite der Grenze bis hin zur Atlantikküste genutzt, samische Familien haben diesesGebiet besiedelt und genutzt, für Renweide, Jagt und Fischerei."
„Der norwegische Staat hat dieses Land konfisziert und uns vertrieben, immer weiter nach Osten, näher an die schwedische Grenze heran. Dies geschah methodisch durch politische Beschlüsse und die Norwegisierung der Gebiete. Durch Konventionen hat man uns unseres Landes beraubt, über unsere Köpfe hinweg, ohne uns zu fragen oder auf unsere Proteste zu hören und wir wurden land- und rechtlos. Der schwedische Staat hat zu dieser Vertreibung Beihilfe geleistet, indem er die Interessen der Samen nicht vertreten hat und sich passiv verhalten hat in den Verhandlungen über die Renweiderechte zwischen Norwegen und Schweden. In dem Maße, in dem man sich das Land angeeignet hat, wurde es mit Norwegern aus dem Süden besiedelt, andere Wirtschaftszweige gefördert und in den letzten 30 bis 40 Jahren sogar norwegische Samen aus anderen Weidegebieten (Finnmarken) dorthin umgesiedelt. Der Sinn der Maßnahmen ist klar: Das Land soll entwickelt und industrialisiert werden und mit der modernen Zivilisation gesegnet werden, damit auch dort die regionale norwegische Wohlfahrtpolitik betrieben werden kann.“
Der Konflikt eskalierte weiter in den letzten Jahren durch Schikanen und Provokationen und fortgesetzten Übergriffen von Seiten des norwegischen Staates, unter anderem durch Niederreißen der Rengehege, neue politische Beschlüsse, die dem Lappcodisillen zuwiderlaufen, rechtswidrige Beschlagnahme von Fischernetzen, Behinderung der Berufsausübung sowie Forderung hoher Geldbußen für angeblich unzulässiger Weidenutzung und mehr. All dies geschieht im Jahre 2006, da wir glaubten, wir befänden uns in einer modernen Zeit und in einem Rechtsstaat, da die Rechte der Mensch respektiert werden!
„Wir Samen haben das Gefühl, dass es nun genug sein muss, nun müssen diese Übergriffe aufhören. Wir fordern, dass die Staaten zur Vernunft kommen und Verantwortung übernehmen und insbesondere Norwegen unserer Recht auf das Land anerkennt und dazu beiträgt, dass der Konflikt eine Lösung findet. Hat man den alten Vertrag, Lappcodisillen von 1751, versteckt und vergessen, den beider Staaten Könige zum Schutze und zur Sicherung der Rechte der Samen unterzeichnet haben? Dieser Vertrag kann ja nicht einseitig von einem Beteiligten aufgesagt werden und auch nicht von beiden gemeinsam, ohne auf den Rechten der Samen rumzutrampeln. Wir haben lange Zeit dafür gekämpft, unsere gestohlenen Gebiete zurück zu bekommen. Unsere Situation ist schwer genug und sollten wir noch mehr Land verlieren, wird das Überleben auf der Basis von Renzucht in diesem Gebiet nicht mehr möglich sein. Ein Teil unserer Identität als Volk der Samen ginge damit verloren.“
„Was den Konflikt mit unseren samischen Kollegen, den Samen in Norwegen, betrifft, so sind unsere alten Sommerweidengebiete an die norwegischen Samen als Winterweideland gegeben worden, obwohl sie sich nach den natürlichen Gegebenheiten gar nicht als Winterweide eignen, weil es dort unter anderem an Renflechte mangelt. Sicher kann dort sporadisch für kurze Zeit geweidet werden, aber nicht einen ganzen Winter lang. Wir haben deshalb Weiderechte auf unseren Winterweidegebieten in Schweden angeboten, um das Problem zu lösen, jedoch ohne mit unserem Vorschlag Gehör zu finden - weder von Seiten der Samen noch des norwegischen Staates. Es hat den Anschein, als seien sie mit der Situation zufrieden und würden ihre Tiere mit pelletiertem Trockenfutter über den Winter bringen. Dass dieses Gebiet nur als Sommerweide anwendbar ist, so wie es seit Jahrhunderten der Fall ist, dass haben auch unsere samischen Kollegen in Norwegen verstanden, denn sonst müssten sie nicht mit Pellets füttern. Soll das aber die Zukunft der Renzucht sein? Darf der Staat einige auserwählen, die seinen Interessen förderlich sind und andere ausstoßen? Ich bin der Meinung, dass wir uns besinnen müssen und eine Lösung durch Gespräche finden müssen. Wir sind um des Überlebens willen zur Zusammenarbeit gezwungen. Denn niemand will wohl den anderen übervorteilen. Oder ist die Norwegisierung schon soweit fortgeschritten, dass wir Samen das Geschäft des Staates betreiben?“
Ansonsten haben wir in den letzten zehn bis zwanzig Jahren Norwegen als einen Staat gesehen, der sich für die Menschenrechte und auch für die Rechte das Samen eingesetzt hat, u. a. durch Unterzeichnung der UN-Konvention ILO 169, Bildung der samischen Vertretung "Sametinget" und zuletzt des "Finnmarksgesetzes" und mehr. Aber erstreckt sich in der Praxis das Wohlwollen nur auf die eigenen Mitbürger und Steuerzahler? Nun sieht es doch so aus, als wollte Norwegen die Samen nicht als ein Volk anerkennen, als die Ursprungsbevölkerung mit eigener Sprache, eigener Kultur und eigenen Wirtschaftsformen, das sich durch jahrhunderte- und jahrtausendelangem Gebrauch des Landes und der Gewässer das Rechtzur Nutzung erworben hat.
„Wir sind ein Volk, aber wir wurden als Ergebnis der Politik der Großmächte als Staatsbürger aufgeteilt auf verschiedene Staaten. Gleichzeitig haben sowohl Norwegen als auch Schweden in anderen Ländern gegen Unrecht und Ungerechtigkeit gekämpft. Oder ist das nur ein Spiel für die Galerie, um von dem eigenen schlechten Gewissen wegen begangenen Unrechts abzulenken?“ (Übrigens war es Schweden,das seinerzeit die Initiative zur Einsetzung der Kommission zur Ausarbeitung der ILO 169 ergriffen hatte.)
Viele Briefe der Lokalbevölkerung in Troms Fylke in Norwegen unterstützen die Samen in ihrem Kampf um die Rückgabe der alten Weidegründe und sie fordern von den norwegischen Politikern dasselbe. Dass die Bevölkerung die Samen unterstützt, das haben wir auch früher schon ohne Zweifel erfahren, in Begegnungen und Gesprächen und Beiträgen in den lokalen Medien. Nun erwarten wir dasselbe Verständnis von den Verantwortlichen in Oslo und Stockholm. Es wird Zeit, dass die Staaten und die Politiker Verantwortung übernehmen und den schönen Worten Taten folgen lassen um zu beweisen, dass man nicht nur Beschützer von Minderheiten und Fürsprecher einen multikulturellen Gesellschaft in anderen Ländern und gegenüber anderen Mitbürgern ist, sondern auch gegenüber seiner Ursprungsbevölkerung - den Samen!
P.S.:
Am 23. November 2007 fand in Stockholm eine gewaltige Manifestation der Samen gegen die Renweidepolitik Schwedens und Norwegens statt. Organisator war Saarivuoma sameby aber es nahmen auch Samen aus anderen samebyar mit grenzüberschreitenden Weidegebieten teil. Samische Organisationen und Sametingparteien bekundeten ihre Solidarität, aus Deutschland war Gruda-Hannes aus Berlin dabei.
Siehe Bildergalerie und http://www.youtube.com/watch?v=DofSx1fmKS0