Kurzer Bericht über das "Girjas-Urteil"

 

Hans-Joachim Gruda                                                                                                      28. Februar 2016

 

 

Bis 1992 waren in Schweden die Fischerei und dieKleinwildjagd nach schwedischem Recht in den Gebieten, in denen die Samen(Ursprungsbevölkerung Nordeuropas in Norwegen, Schweden, Finnland undNordwestrussland) Rentierwirtschaft betreiben den Samen vorbehalten. Dies wardamals geändert worden und seitdem wurden die Lizenzen für die Jagd vom Staat,vertreten durch die Provinzialverwaltungen vergeben, nicht zuletzt eineEinnahmequelle. Für die Samen jedoch war es viel wichtiger, als Geld fürLizenzen zu bekommen, dass die Jagd und Fischerei nicht störend auf dienomadisierenden Rentierherden einwirkt, wenn sie von unkundigen Beamtengenehmigt und von ebenso unkundigen Stadtbewohnern und Touristen ausgeübtwerden. Fischerei und Jagd sollten weiterhin so kontrolliert werden, dass inden sensiblen Perioden die Rentiere nicht gestört werden.

 

Die Samen sahen in der Neuregelung von 1992 einen Verstoßgegen internationales Recht, namentlich das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form vonRassendiskriminierung (ICERD), beschlossen von der UN-Generalversammlung am 21.12. 1965. Gewissermaßen stellvertretend für alle betroffenen Rentierwirtschaftsgemeinschaften(Sameby) wandte sich Girjas Sameby zunächst an den UN-Ausschuss für dieBeseitigung der Rassendiskriminierung (englisch:Committee on the Elimination of Racial Discrimination). Die Vereinten Nationenhaben Schweden in den vergangenen Jahren mehrfach wegen der aus UN-Sichtdiskriminierenden Behandlung der Samen gerügt. „Jagd und Fischerei sindunheimlich eng mit unserer Art zu leben verknüpft. Die Natur istunsere Vorratskammer. Das Land und die Gewässer haben große Bedeutung fürunsere Kultur“, betont Matti Berg, Vorsitzender des Girjas Sameby. Es geht vielund vor allem um die Jagd auf Moor- und Alpenschneehühner („ripjakt“), aberauch auf Waldvögel wie Auerhähne oder Birkhühner.

 

Schließlich erhob Girjas 2009 Klage gegen den StaatSchweden. „Es ist schon merkwürdig, dass wir nun innerhalb des staatlichenRechtsrahmens gegen den Staat selbst antreten“, meinte Matti Berg, Vorsitzenderdes Girjas Sameby, damals. „Aber ich gehe davon aus, dass wir in einemRechtsstaat leben. Die Sache wird also schon in Ordnung gehen.“ Der Prozess umdie Fischerei- und Jagdrechte der Samen begann am 26. Mai 2015 vor demAmtsgericht Gällivare (Gällivare Tingsrätt) und alle gingen davon aus, dass esbis zu einer Entscheidung lange dauern würde.

 

Am 3. Februar 2016 erging nun das Urteil des GällivareTingsrätt (Aktenteichen T 323-09). Danach hat Girjas Sameby das alleinige Rechtauf Kleinwildjagd und Fischerei innerhalb des Gebietes der Rentierwirtschaftsgemeinschaft.Der Staat darf keine Lizenzen für Jagd und Fischerei in diesem Gebiet erteilen.Girjas Sameby darf seinerseits ohne staatliches Einverständnis Genehmigungenfür Jagd und Fischerei in seinem Gebiet erteilen.

 

Das Gällivare Tingsrätt kam zu der Einschätzung, dasssich auf jeden Fall in den letzten tausend Jahren Samen in dem betreffendenGebiet aufgehalten und dabei die Naturressourcen durch Jagd und Fischerei fürihren Lebensunterhalt genutzt haben. Der Staat hingegen kann frühestens so spätwie 1887 als „Eigentümer“ in Betracht kommen, als er selbst das Land an Siedlerverteilte und sich selbst die übrigen Gebiete formal aneignete(„avvittringen“).

 

Die Rechtsfolgen aus der sehr langen Nutzung des Gebietesdurch die Samen müssen aus den Regeln über althergebrachte Gewohnheitsrechte(„urminnes hävd“) folgen, und zwar unter Berücksichtigung der besonderenBedingungen in einem Land mit hartem Klima, knappen Ressourcen und demErfordernis größter Schonung und Nachhaltigkeit. Daraus folgt, dass die Samen,die in der betreffenden Gegend bei Inkrafttreten der Vorschriften über Eigentuman Grund und Boden im Jahre 1734 („jordbalken“, jetzt schwedisches Gesetz 1970:994)ansässig waren, das auf Gewohnheitsrecht gegründete Recht auf Jagd und Fischereiinnehatten. Umstände, die dieses Recht hätten zum Erlöschen bringen können,sind seit dem nicht eingetreten und die Landverteilung im Jahre 1887 hatinsoweit das Nutzungsrecht der Samen nicht eingeschränkt.

 

Es ist also Girjas Sameby, dass die Jagd- undFischereirechte besitzt, nicht der Staat Schweden und die angefochtenegesetzliche Regelung von 1992 verstößt gegen den Eigentumsschutz aus § 15 des2. Kapitels des Schwedischen Grundgesetzes (2 kap. 15 § Regeringsformen; Svenskförfattningssamling 1974:152).

 

Der Staat Schweden ist gegen das Urteil in die Berufunggegangen, was auch von Matti Berg von Girjas Sameby begrüßt wird: Alle wollenein Grundsatzurteil des Obersten Gerichts (Högsta Domstolen).

 

 

 

Sápmi – das ist die nördlichste Region Europas

 

Saarivuoma kalvmärkning Lappland Sápmi Norwegen
Saarivuoma kalvmärkning - Foto: Hans-Joachim Gruda

 

Sápmi – das ist die nördlichste Region Europas; sie liegt auf den Staatsgebieten Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands. Seine Urbevölkerung sind die Samen; sie sehen Røros in Ostnorwegen als ihren südlichsten Siedlungspunkt an und den nördlichen Teil der Kohlahalbinsel als ihren östlichsten. Nach ungefähr vierhundert Jahren der Unterdrückung erwachten in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts samisches Selbstbewusstsein und Stolz und die Menschen besannen sich auf ihre kulturellen Werte. Sie erkämpften und erstritten sich ihre Rechte auf Nutzung von Land und Wasser und auf eine eigenständige Kultur. Die Staaten, auf deren Gebieten sie leben, haben seit dem vieles in diesem Sinne geregelt, doch der Konflikte blieben viele: In der Rechtssetzung und der praktischen Gestaltung und Handhabung des Rechts, im Schutz gegen die Begehrlichkeiten der Montanindustrie, der Waldwirtschaft, der Bauern, der Jäger und der Energiewirtschaft und im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus in den Mehrheitsgesellschaften.

 

  Es handelt sich im Großen und Ganzen um vier Problemfelder:

 

- Rechtslage (rättsläge): wie ist die Rechtslage in den Staaten, auf deren Gebiet Sápmi liegt?  

 

Norwegen hat die UNO-Konvention ILO 169 über die Rechte der Ursprungsbevölkerung ratifiziert; ist sie hinreichend in nationales norwegisches Recht umgesetzt?

 

Finnland beabsichtigt, die ILO 169 zu ratifizieren; soll damit nur ein "Reservat" für renzüchtende Samen geschaffen werden? Werden alle anderen Samen dann vom Recht auf eigene Sprache, Verwaltung, Kultur ausgegrenzt? 

 

Schweden hat die ILO 169 nicht ratifiziert ( ! ); "reichen" die schwedischen nationalen Gesetze aus, eine der ILO 169 entsprechende Rechtslage für die Samen in Schweden herzustellen?

 

Hat Russland die ILO 169 ratifiziert? Wie sind die Rechte der Samen auf der Kohlahalbinsel geregelt?

 

-  praktische Rechtsanwendung (praktisk användande av lag): Siehe weiter unten über den Renweidekrieg. Die grenzüberschreitende Renweide wurde zwischen Norwegen und Schweden in einem Anhang zum Grenzvertrag von 1751 detailliert geregelt, im noch heute geltenden Lappkodicillen. Durch Zusatzvereinbarungen wurde den schwedischen Samen dieses Weiderecht immer mehr eingeschränkt. Doch seit das letzte Grenzabkommen ausgelaufen ist, wurde (bisher) kein neues abgeschlossen. Es gilt also zurzeit Lappkodicill – und sonst gar nichts! Als schwedische renägare am norwegischen Altevattn kleine Sommerhütten errichten wollten, wurde ihnen dies von den örtlichen Behörden untersagt (die fylkes-Verwaltung hat die Kommune dann korrigiert). Als Ende April 2012 die Gebrüder Bro Hendrik Labba und Per Labba (Saarivuoma Sameby) 30 Rene mit einem Lastwagen in Sommerweidegebiete in der Nähe der norwegischen Küste bringen wollten, in Gebiete, in denen Saarivuomas Rene vor der Besetzung Norwegens durch Deutschland ungehindert weideten, wurden sie vom norwegischen Zoll an der Einreise nach Norwegen gehindert. Sie mussten umdrehen. Obwohl Jokkmokk samisches Verwaltungsgebiet im Sinne des schwedischen „Lag (2009:724) om nationella minoriteter och minoritetsspråk“ ist, verweigerte eine Schule in Jokkmokk einem Mädchen samischen Unterricht in technischen Fächern (das sei so mühsam zu organisieren). Weitere Beispiele dafür, dass trotz vermeintlich bestehender Regelungen die Behörden immer wieder versuchen, die Rechte der Samen zu beschneiden, liegen vor.

 

- Bedrohung der samischen Lebensweise und der samischen Rechte durch Land- und Forstwirtschaft, Montanindustrie und Energiewirtschaft (hot mot samisk levnadssätt och inkräktan på samiska rättigheter genom jordbruk, skogsbruk, gruvindustri, vatten- och vindkraftindustri): In Süd-Sápmi prozessieren die Landwirte und Waldbesitzer jahrelang gegen die Winterweide der Rene. In Finnland zerstört die Zellstoffindustrie die Wälder. Die großen Flüsse, die ”Nationalälvar”, im Norden Schwedens werden mit Staudämmen gedämmt – zwischen Fjäll und Ostsee mehrfach –  zur Erzeugung von Strom, den die Samen und die anderen Bewohner des dünn besiedelten Nordens gar nicht brauchen, der nur zur Befriedigung der maßlosen Gier der Menschen an der Küste und im Süden dienen soll. Große Weidegebiete wurden überflutet. Die Migrationsrouten der Rene wurden zerschnitten. Jetzt soll ein Fluss von der Quelle an nach Norge umgeleitet werden. Landschaften und Lebensgrundlagen werden zerstört. Auf den großen offenen Tundren sollen riesige Windparks entstehen. Die jahrelange Bauzeit wird die Renwirtschaft dort unmöglich machen und niemand weiß zu sagen, ob Rene – wie mitteleuropäische Kühe – unter Windrotorblättern weiden werden. In Jokkmokk greift die Montanindustrie nach den Bodenschätzen am Rande des (und im?)  Welt-Natur- und Kulturerbes Laponia. In Kiruna dringt der Erzbergbau in immer neue Gebiete vor. Auch in Jokkmokk und Kiruna würden Weidegebiete verloren gehen und die Migrationsrouten der Rene zerschnitten. Die Rene müssten in Lastwagen verladen und um die verloren gegangenen Gebiete herumgefahren werden. Was soll das für eine Art von „naturnaher Renwirtschaft“ und „traditioneller Lebensweise“ sein? (Kiruna, die Stadt selbst, muss wegen des vordringenden Bergbaus verlegt werden! Die Eisenbahngleise wurden schon umgelegt; man hat für die Rene eine „Alibi-Brücke" über die neuen Gleise gebaut –  viel zu schmal, um wirklich einen Sinn zu ergeben!) Und es ist ja wohl so, dass die Brücke nicht für den Zug der Rentiere gebaut wurde, sondern für den von Rentieren nicht behinderten Zugverkehr! Die großen Konzerne wie Vattenfall und LKAB haben ihren Sitz in Stockholm und bezahlen dort Steuern – der Norden blutet und der reiche Süden erntet. Und abgesehen von den Rechten und Belangen der Samen stellen diese Eingriffe Zerstörungen von Natur im großen Ausmaß dar! Wer sich über das Abholzen des Regenwaldes in Brasilien aufregt, hat hier gut und gerne noch einen Aufreger mehr! 

 

- Alltagsrassismus (vardaglig rasism): Schülern in Lycksele wurde verboten, in der Schulpause miteinander Samisch zu sprechen (Zwei Kinder sprachen während einer Pause in der Södermalmsskolan in Lycksele miteinander Samisch. Ein Mitschüler meldete dies einem Lehrer, der den Geschwistern verbot, während der Schulzeit Samisch zu sprechen. In einer mittelschwedischen Großstadt (Name bekannt) wurde ein Junge zusammengeschlagen, weil er eine traditionelle samische Mütze trug. Vor zwei Jahren wurde während des Jokkmokks Vintermarknad ein junges samisches Mädchen von einem schwedischen jungen Mann vergewaltigt. Der Täter wurde verurteilt. Sein Verteidiger geht in die Berufung. In seiner Berufungsschrift (wortlaut bekannt) schreibt er sinngemäß übersetzt, samische Frauen und Mädchen gingen seit mehr als 400 Jahren zum Wintermarkt nach Jokkmokk, um dem Alkohol zuzusprechen und Vergnügungen auch sexueller Art zu suchen; daher die Handlungsweise seines Mandanten. Am 25. Januar 2014 wird die samische Dichterin Mimi Märak auf ihrer Joggingrunde in Stockholm überfallen und brutal zusammengeschlagen, wahrscheinlich von Rechtsradikalen. Es gibt weitere Beispiele, tror!

 

Und dann ist da noch diese weitverbreitete Kenntnislosigkeit. Ich weiß ja auch nicht so furchtbar viel über die Indios in Peru oder über die Maori, aber dann halte ich doch still und äußere mich nicht dazu. Aber das Ethnologische Museum in Hamburg – also Leute, die sowas studiert haben – lässt sich anlässlich einer Ausstellung über Nomadenvölker die samischen Trachten von  wasweißichvonwem aufbauen, mit den Schuhbändern als Gürtel, dem Schultertuch um den Kopf etc. und die UNESCO setzt in seine Broschüre über Laponia einfach ein Bild von Kautokeinosamen aus Nordnorwegen –  als würde jemand einen Bericht über Schleswig-Holstein mit Menschen in bayerischen Lederhosen illustrieren. Zwar nicht diskriminierend, aber unwürdige Gedankenlosigkeiten.

 

Was gibt es Neues in Sápmi?

 

persönliche Betrachtungen von Hans-Joachim Gruda, Berlin

 

Im Sommer 2005 waren wir mittendrin im „Renweidekonflikt“ zwischenden Reneignern in der samischen Renwirtschaftsgemeinschaft (Sameby) Saarivuoma und den norwegischen Behörden und am 23. November 2007 durfte ich mit dabei sein, als die machtvolle Demonstration der Samen durch Stockholm zog. Seit dem hat sich einiges getan in Sápmi und nicht alles hat sich zum Guten gewendet. Wer regelmäßig die samische Zeitschrift „Samefolket“ liest und die Netz-Ausgaben der Zeitung „Nye Troms“ und die Netz-Nachrichten des norwegischen Rundfunks (NRK) verfolgt und selbst jedes Jahr für mehrere Wochen in Sápmi weilt und mit Samen lebt und arbeitet, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, es seien Konflikte verschärft, der Ton rauer und der Druck auf die Samen erhöht worden – und der „Gegendruck“ der Samen!

 

Ich habe den Eindruck, „die Samen“ seien in ihrem Auftreten „radikaler“ geworden. Heute gibt es mehr samische Kulturveranstaltungen, Seminare, Projekte und so weiter, als noch vor fünf Jahren. Der Jokkmokks Vintermarknad ist noch deutlicher bestimmt von samischen Veranstaltungen zu samischen Themen und oft in samischen Sprachen. Der eigentliche "Markt" mit seinen Ständen und Buden wird dagegen immer kleiner; Jokkmokks Vintermarknad entwickelt sich zu einer reinen samischen Kulturveranstaltung. Auf den Gebieten Musik, Bildende Kunst, Modedesign und Handwerk ist eine rasante Entwicklung in eine lebende Zukunft im Gange. Simon Marainen, Ulrika Tapio-Blind und Annica Waara, die Geschwister Wilks, Sarah Svonni und Lise Tapio-Pittja sind erfolgreiche Beispiele. Die Stiftung für samisches Handwerk Sámi Duodji arbeitet nicht nur für die Bewahrung der Traditionen, sondern für die Entwicklung des Kommenden.

 

Wir werden mehr gesehen.“ So oder ähnlich höre ich von vielen. „Wenn der Druck auf unsere Lebensweise durch die auf kurzfristigen Gewinn bedachte Wirtschaft der westerländischen Kulturen wächst, erhöht sich der samische Gegendruck.“ Und ein anderer formuliert es so: „Wenn Sápmi norwegischer und schwedischer zu werden droht, müssen wir das Samische mehr markieren!“ In der Tourismusbranche schlossen sich jüngst samische Familienbetriebe zum Projekt „Visit Sápmi“ zusammen, um die Vermarktung „Samischer Erlebnisse“ vor dem Zugriff der nichtsamischen Tourismusindustrie zu schützen. „Samischer Tourismus muss in samischen Händen bleiben“, sagt einer von ihnen. „In finnisch Lappland ist uns diesbezüglich schon zu viel genommen worden von finnischen und europäischen Gesellschaften, für die unsere Trachten nur dem Marketing dienen.“

 

In Finnland wurde die Entwicklung der samischen Kultur sehr positiv gestaltet von einigen sehr engagierten Leuten, Menschen mit großer Leidenschaft und neuen Ideen“, betont eine Inari-Samin. „Ganz allgemein möchten wir nicht, dass die samische Kultur von Leuten, die dafür nicht kompetent sind, für kommerzielle Zwecke genutzt wird.“ Und sie meint dies auch hinsichtlich der Nutzung der Naturressourcen in Sápmi.

 

Einige samische Freunde sind in ihrer Wortwahl abgrenzenden geworden. Sie reden mehr und mehr von „wir Samen“ und „die Anderen“, von „unsere Kultur und unseren Werten im Gegensatz zur westerländischen Kultur“. Ein junger Reneigner und Renhirte erzählt: „Wie viel Prozent der jungen Samen abwandern in die Städte und nach Süden, weiß ich nicht, aber es bleiben viele. Die die, die gehen, tun dies nicht, weil sie sich von der samischen Lebensweise abwenden wollen, sondern unter ökonomischem Druck. Doch wenn es Zeit ist für die Kälbermarkierung, die Jagd, die Schlachtung und die Renscheidung – dann sind sie alle wieder zur Stelle bei ihren Familien und Siidas!“ Meine Freundin Siv hat schon vor vielen Jahren gesagt: „Wir sind hier kein ethnologisches Museum! Wir wollen teilhaben am Fortschritt. Aber wir werden unsere Sicht auf diese Welt, auf die Natur und unsere Art, in der Natur zu leben, deshalb nicht aufgeben.“ Peder, zwanzig Jahre alter Reneigner, verdient seinen Lebensunterhalt auch nicht mehr nur durch die Renwirtschaft. Als wir beim Frühjahrszug der Rene auf der weiten Tundra Pause machen, sitzt er auf einem schneefreien Flecken, lehnt sich gegen die Front seines Motorschlittens und sagt: „In diesem Augenblick, wenn ich hier sitze und über die Tundra schaue und zu den Bergen und zu der Renherde – dann weiß ich, warum ich Renhirte bin: Die Freiheit!“ Bei der Kälbermarkierung sind unsere nächsten Nachbarn in der Zeltkåta nebenan eine Menge ganz junger Reneigner, alle so um die Zwanzig. Sie erzählen, dass sie in verschiedenen Berufen ihre Ausbildung absolvieren oder in Werkstätten, in der Touristik oder sonst wo arbeiten. „Aber wenn wir ins Gebirge gehen, zu den Herden und den Familien, dann sperre ich alles aus, was nicht samisch ist. Das verschwindet dann aus meinem Bewusstsein. Ich grenze mich hier bei den Renen bewusst gegen die westerländische Kultur ab“, fasst einer von ihnen zusammen und wird von einem anderen ergänzt: „Für uns ist es jedes Mal wie ein Schritt zurück in unsere gewohnten Denkweisen als Samen, wenn wir zu den Renherden gehen, im Winter in die Wälder und im Sommer hinauf auf die Tundren und ins Gebirge.“

 

Als Rebecca 16 Jahre alt war, sagte sie einmal: „Ich weiß, dass es die Rene sind, die mein Leben steuern, so wie sie das Leben meines Großvaters und meines Vaters gesteuert haben.“ Auch sie verdient heute ihren Lebensunterhalt in einem anderen Beruf – aber sie ist Reneigner und Mitglied eines Samebys geblieben und nimmt aktiv an der Renwirtschaft teil. „Nicht alles ist messbar in Geld! Reichtum ist, in der Natur bei den Renen zu sein!“

 

Eines der größten Probleme für eine samische Kultur wird die Auswanderung junger Samen in großem Umfang, denn außerhalb der samischen Verwaltungsgebiete gibt es keine Garantie für samische Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen“, höre ich auch aus Finnland.

 

Nichts geändert hat sich an der Rechtslage. Die UNO-Konvention über Rechte indigener Völker (ILO 169) ist nach wie vor nur von Norwegen ratifiziert. Doch der andauernde und verschärfte Konflikt mit Saarivuoma Sameby zeigt, dass die norwegischen Behörden offenbar glauben, die Vorschriften würden nur für Samen gelten, die norwegische Staatsbürger sind. Die zu schützende Urbevölkerung aber, die Samen, haben keine Staatsgrenzen in ihren Köpfen. Für sie ist ihrer Heimat Sápmi, über Staatsgrenzen hinweg. Allerdings auch Rene nehmen keine Rücksicht auf Staatsgrenzen, wenn sie zwischen den Winterweiden (in Schweden) und den Sommerweiden (in Norwegen) wechseln – und die Renhirten ebenso wenig! Die grenzüberschreitende Renweide wurde deshalb zwischen Norwegen und Schweden in einem Anhang zum Grenzvertrag von 1751 detailliert geregelt, im noch heute geltenden Lappkodicillen. Durch Zusatzvereinbarungen wurde den schwedischen Samen dieses Weiderecht immer mehr eingeschränkt. Doch seit das letzte Grenzabkommen 2005 ausgelaufen ist, wurde (bisher) kein neues abgeschlossen. Es gilt also zurzeit Lappkodicill – und sonst gar nichts! Folgerichtig haben die von grenzüberschreitender Weide betroffenen Sameby die alten Weidegebiete wieder in Benutzung genommen. Die (norw.) Kommune Bardu scheint dies nicht zu verstehen und will dies verhindern. Sie beschlagnahmt Zäune (die für die Kälbermarkierung gebraucht werden), vertreibt Renherden mit Helikoptern und ordnet den Abriss von kleinen Unterkunftshütten (mit elf Quadratmetern Wohn-Fläche) an. Innerhalb der norwegischen Regierung scheint es Uneinigkeit in dieser Frage zu geben, denn während das für Renweidefragen zuständige Landwirtschaftsministerium die Haltung der Kommune Bardu stützt, intervenieren Entwicklungsministerium, Justizministerium und Außenministerium und verweisen auf das internationale Renomée Norwegens, auf Internationales Recht, auf Rechtsprechung des norwegischen Obersten Gerichtshofes, und auf die vertragliche Bindung Norwegens: Lappkodicillen ist ein Vertrag zwischen zwei Staaten, der nicht einseitig von der Kommune Bardu aufgekündigt werden kann. So entstehen immer wieder Perioden des „Stillhaltens“ der Behörden, in denen dann die Samen ihrer Rechte noch ein wenig exzessiver nutzen. Wie jüngst die Gebrüder Labba, als sie Rene mit einem Lastwagen in küstennahe Weidegebiete verbringen wollten. Sie wurden vom norwegischen Zoll gestoppt und zurückgewiesen. Ein Reneigner aus Saarivuoma kommentiert: „Ich kann verstehen, dass die Norweger das als Provokation empfinden. Aber wir haben es nicht als Provokation geplant. Wir nehmen nur unsere Rechte wahr. Allerdings haben wir vorher gewusst, dass die Norweger es als Provokation interpretieren würden. Die Rene sind keine Kühe oder Schweine, die in Ställen stehen und gefüttert werden, sondern sie sind abhängig vom Zugang zu natürlichen Weiden. Die müssen im Laufe einiger Jahre wechseln, damit Pflanzen nachwachsen können, das ist etwas ganz natürliches und das würden die Tiere auch als Wildtiere ohne den Menschen tun. Doch durch die Eingriffe in die Natur sind die Zugänge zu den Weiden durchschnitten von Straßen, Siedlungen, Stauseen und deshalb müssen wir die Tiere mit Lastwagen in frische Weidegebiete fahren. Währen die Tiere selbständig „zu Fuß“ eingewandert, hätte sich kein Zollbeamter für sie interessiert und auch im vorigen Jahr, als keine Presse dabei war, hat sich für den Lastwagen der Labbas niemand interessiert.“  

 

Am Altevatn vergibt die Kommune Bardu Erbbaurechte für Ferienhäuser von einer Größe bis zu 130 Quadratmeter Wohnfläche - an Norweger! Da sind Luxusvillen zum Preis von bis zu fünf Millionen norwegische Kronen dabei. Doch die 11 Quadratmeter "großen" Übernachtungshütten der Renhirten sollen abgerissen werden. Als Zugang zu den Luxushäusern wurde am Seeufer eine schmale Straße angelegt, asphaltiert, und für die Sport- und Freizeitboote der Norweger gibt es einen kleinen Hafen und einen riesigen Parkplatz für ihre Autos und Bootsanhänger. Als sich in einer Versammlung ein Norweger darüber aufregte, dass die Samen zu ihren Hütten am Ende der Straße mit ihren Quads (Vierradmotorräder) durchs Gelände führen, fragte Per Anders zurück: "Hast Du dich auch so ereifert, als damals die Straße angelegt und asphaltiert wurde?" (. . . dort, wo vor dem Straßenbau auch "Gelände" war. Und ich erlaube mir den Hinweis, dass dort, wo heute Stockholm liegt, einst, vor langer Zeit, auch einmal "unberührte Natur" war, "Wildnis".)  

 

Was in der modernen Sprache neuerdings „nachhaltig“ genannt wird, ist seit undenklichen Zeiten unsere Denkweise. Die Ressourcen der Naturmüssen schonsam genutzt werden, das gilt für Renwirtschaft, Waldwirtschaft, Jagd, Fischerei. Das ist alles langsichtig und nicht von kurzfristigen Gewinnen bestimmt“, höre ich von einem schwedischen Samen und von einer finnischen Samin: „Natur und das Leben in der Natur ist noch immer von großer Bedeutung für uns Samen.“

 

Finnland hat nun die Absicht geäußert, ILO 169 zu ratifizieren. Doch nicht alle Samen sehen darin eine bevorstehende Verbesserung ihrer Situation. Eine finnische Samin erklärt mir ihre Befürchtungen: „Sie werden sagen, durch ILO 169 sei nur die traditionelle Lebensweise der renzüchtenden Samen geschützt. Davon, wie vielfältig samisches Leben ist, wissen die Politiker nichts – und wahrscheinlich wollen sie es nicht wissen, sondern ILO 169 zum Instrument von Einschränkungen für die Samen machen, die nicht Reneigner sind. Es soll wohl so eine Art „Reservatbildung“ für Rene und traditionelle Samen werden und alles andere Samische soll vergessen werden. Ich wüsste nicht, wie ILO 169 die Situation der Samen verbessern sollte, außer der Förderung einiger Sprach- oder Kulturprojekte.“ Und sie fügt noch hinzu: „Wenn Journalisten Artikel über die samische Kultur schreiben, würde ich es mögen, darin die Vielfalt der samischen Kultur, der Gebiete und Sprachen, repräsentiert zu sehen. Und es wäre auch schön, auf die modernen Formen der samischen Kultur zu fokussieren, nicht nur auf die romantische Vergangenheit.“

 

Das deckt sich genau mit dem, was mir von Samen in Schweden erzählt wird. „Dass es das Gesetz über Minoritäten und Minoritätssprachen gibt, ist schön, und es ist schön, dass danach in bestimmten Kommunen die Samen Förderung erhalten. Aber das sind eigentlich willkürliche Grenzziehungen durch schwedische Gesetze. Wir Samen sehen ein viel größeres Gebiet als Sápmi an, als die „SamischenVerwaltungsgebiete“ des schwedischen Gesetzes.“

 

Und es hat eine Diskussion um die Rolle der Samebyar begonnen. Ein Mitglied des schwedischen Sametings (Selbstverwaltungsorgan) erläutert: „Nach geltendem Recht haben in Schweden nur die Samebyar ein Recht auf Mitsprache bei Fragen der Nutzung von Land und Wasser in Sápmi. Doch Mitglied eines Sameby darf nur sein, wer Reneigner ist. Dies wird zunehmend als ungerecht und unbefriedigend angesehen, weil damit alle anderen Samen von der Selbstverwaltung ihres Landes ausgeschlossen sind.“ Zumal heute nur noch wenige Samen ausschließlich von der Renwirtschaft leben; die allermeisten haben ihr Auskommen durch andere Berufe daneben. Und er fordert weitere Reformen: „Sametinget ist ein Selbstverwaltungsorgan der Samen und zugleich aber auch eine schwedische Behörde mit öffentlichen Aufgaben bezüglich der Renwirtschaft. Dies führt zu Interessenkonflikten – dies muss dringend geändert werden!“

 

Lassen wir einen Samenpolitiker aus dem schwedischen Sametinget zu Wortkommen: „Intern innerhalb der samischen Gesellschaft sind einige zufrieden mit ihrer Mitgliedschaft als Reneigner in einem Sameby. Andere meinen, dass das Urbevölkerungsrecht gelten und mehr Samen als nur die Reneigner betreffen sollte. Die Parteien im Reichstag scheinen jedoch kein Interesse daran zu haben, die Rechte der Urbevölkerung zu stärken. In Norwegen ist ILO 169 ratifiziert und damit anerkannt, das in dem Land zwei Völker leben; das eine sind die Samen. Und damit besteht die Pflicht, sich über dieses Volk aktiv Kenntnis zu verschaffen, anstatt auf Informationen zu warten.“

 

Der Druck der Montanindustrie, der Energiewirtschaft und der Forstwirtschaft auf die Regierungen der Nordischen Länder und Russlands, den Zugriff auf die Ressourcen in der nördlichsten Region Europas zuzulassen, wächst mit der fortschreitenden Ausbeutung der Rohstoffe und der zunehmenden Gier der gewinnorientierten Wirtschaften. Die Natur Sápmis ist akut bedroht und damit die Lebensweise und Existenz der samischen Urbevölkerung. Samen und die anderen Bewohner des Nordens geraten in einen Konflikt zwischen verheißener vermeintlicher „Entwicklung“ und befürchteter und zu erwartender Zerstörung. In Jokkmokk haben sich die dort beheimateten Sameby für ein „Grubenfreies Jokkmokk“ ausgesprochen. „Natur ist das, was wir atmen, essen und trinken. In unserem Teil der Welt führt der Weg in die Zukunft entlang giftfreier Flüsse. Entlang weiter Jagdgebiete und klarer Fischgewässer. Durch reine Wälder und gelbe Multbeeren-Moore.“ So hieß es in einem Aufruf zu einer Demonstration anlässlich des Jokkmokks Vintermarknad im Februar 2012.

 

Gegen die Pläne zur Ausweitung des Bergbaus in Kiruna gab es ebenfalls Widerstand der Samen – und der nichtsamischen Bevölkerung! Die Ablehnung ruht auf tiefen Überzeugungen. Ein Same aus Kiruna: „Das internationale Kapital sieht nun, da die Ressourcen auf dem Planeten knapper werden und die Rohstoffpreise steigen, in den abgelegensten und dürftigsten Vorkommen die Chance, in sehr kurzer Zeit sehr viel Gewinn zu machen. Was dann danach bleibt ist eine zerstörte Natur und ein zerstörtes Gemeinwesen. Das ist nicht unsere samische Weise zu denken und zuhandeln!“

 

Und vom Inari-See bekomme ich diesen Kommentar: „Auch glaube ich, Samen sind generell gegen Bergbau in den samischen Gebieten, weil die Natur noch immer sehr wichtig für uns alle ist. Bezüglich Waldwirtschaft und einiger Projekte der Energiewirtschaft kann es sein, dass wir jeden Einzelfall beurteilen müssen – aber die Montanindustrie hat hier einen sehr schlechten Namen!“ Überhaupt hat es rund um den Inari-See eine Initiative gegen Bebauungspläne gegeben, mit denen stark in die ursprüngliche Natur eingegriffen werden soll.

 

Die Energiewirtschaft hat seit über einem Jahrhundert die Flüsse des Nordens gestaut, oft mehrfach im Laufe von der Quelle zum Meer, und damit große Flächen überflutet. Siedlungen, Weidegebiete und die Migrationswege der Rene wurden zerstört. Es werden Energiemengen erzeugt, die in den sehr dünn besiedelten Gebieten Sápmis niemand braucht. Doch die Gier der Städte im Süden und an der Küste ist grenzenlos! Nun sollen die Tundren mit Windparks voll gebaut werden. Stekenjokk, das Hauptgebiet der Sommerweide des Vilhelmina Södra Sameby, war so kurz wie zwischen 1976 und 1988 Abbaugebiet für Kupfer, Silber und was dergleichen Wertvollem mehr war. Die Narben davon sind noch immer in der Landschaft zu sehen. Und jetzt kommen also die Pläne für den Windpark! Während der Bauzeit werden dort wohl keine Rene weiden wollen und werden sie danach zurückkehren? Und wie wird diese fantastische Landschaft dann aussehen? Mich graust’s!

 

Die Medien in Sápmi sind voll von Ereignissen, die auf Hass und primitivem alltäglichen Rassismus beruhen – aber auch nach wie vor von Berichten über Diskriminierungen durch Staaten, Kommunen, Behörden, Schulen. Die Aufmachungen in den Medien sind dabei oft unnyanciert: „Die Samen fordern . . .“, auf der einen Seite und „Die Samen werden diskriminiert!“ auf der anderen. Doch es gibt auch kluge und besonnene Stimmen. Gjermund Nilssen schrieb in der (norw.) „Nye Troms: „Nur wenige würden mit ja antworten, wenn sie gefragt würden, ob sie Rassisten seien. Aber das bedeutet nicht, dass wir alle, die wir mit nein antworten, es in jedem Zusammenhang unterlassen, rassistische Aussagen zu machen. Leider, denn Alltagsrassismus ist keine Bagatelle, die wir als Gesellschaft hinnehmen können.“ Er vergleicht die undifferenzierte auf Unkenntnis beruhende generalisierende Hetze gegen Samen mit der verbreiteten „Islamfurcht“ und schreibt: „Es gibt sicher viel Schönes dabei, heutzutage in Norwegen Same zu sein, aber wir haben das Gefühl, dass der antisamische Alltagsrassismus in einem erschreckend breiten Teil der Gesellschaft auf dem Vormarsch ist  . ..  und es besteht Anlass zum Nachdenken darüber, welche Mechanismen hinter der Flut von Missfallensäußerungen liegen, die das erste samische Straßenschild in Bodø neulich ausgelöst hat.“

 

Eine Samin in den Enddreißigern schreibt mir gar: „Ich stehe im Öffentlichen Leben und ich muss „neutral“ bleiben und die offizielle Meinung der Samen vertreten – wenn es denn eine gibt. Aber ich meine, dass es heute nur noch Einzelfälle von Diskriminierung und rassistischem Hass gibt. Jedenfalls meine ich dies, wenn ich es mit den 1970er Jahren vergleiche. Damals war der Rassismus gegen die Samen sehr ausgeprägt und die samischen Bewegungen waren ihrerseits zum Teil sehr radikal. Aber es gibt doch solche Menschen in allen Gruppen.“ Und die Chefredakteurin der „Samefolket“, Katarina Hällgren, schreibt: „Unkenntnis führt zu Diskriminierung. . . in den meisten Fällen (von Diskriminierung) handelt es sich ein ums andere Mal um Unkenntnis. Dieses Phänomen kann eines der größten samischen Probleme der Gegenwart sein.“ Die Unkenntnis also. 

 

Doch das Bild, das sich aus den Medien ergibt, ist erschreckend und mir werden immer wieder Beispiele berichtet. So wie neulich, als Elsy in Berlin war und klagte, dass ihre Tochter in Jokkmokk zwar Schulunterricht in samisch in bestimmten Fächern erhalten könne, nicht aber in der „Technischen Linie“. „Dies wurde nicht einmal mit der Rechtslage begründet, sondern damit, dass es so schwer zu organisieren sei! Im Ende haben wir den Wunsch unserer Tochter durchgesetzt, aber es ist so typisch, dass nichts wie selbstverständlich geschieht. Um alles müssen wir kämpfen, selbst dann, wenn es eigentlich schon als unser Recht geregelt war.“

 

Gunnar berichtet, dass sich die Kommune Jokkmokk noch lange geweigert habe, im öffentlichen Raum die samische Flagge zu zeigen, mit der Begründung, die Gemeinde würde keine „Vereinsflaggen“ hissen.

 

In einer mittelschwedischen Großstadt (Name bekannt) wurde ein samischer Junge zusammengeschlagen, weil er eine traditionelle samische Mütze trug. Vor zwei Jahren wurde während des Jokkmokks Vintermarknad ein junges samisches Mädchen von zwei jungen Männern vergewaltigt. Die Täter wurden verurteilt. Der Verteidiger des einen geht in die Berufung. In seiner Berufungsschrift schreibt er sinngemäß, samische Frauen und Mädchen gingen seit mehr als 400Jahren zum Wintermarkt nach Jokkmokk, um dem Alkohol zuzusprechen und Vergnügungen auch sexueller Art zu suchen; daher die Handlungsweise seines Mandanten. Und in der aufgeheizten Stimmung reicht es schon, dass das Ethnologische Museum in Hamburg Puppen mit samischen Trachten fehlerhaft dekoriert, um von „Kränkung“ zu sprechen.

 

Schülern in Lycksele wurde verboten, in der Schulpause miteinander Samisch zu sprechen. Zwei Kinder sprachen während einer Pause in der Södermalmsskolan in Lycksele miteinander Samisch. Ein Mitschüler meldete dies einem Lehrer, der den Geschwistern verbot, während der Schulzeit Samisch zu sprechen. Dabei haben die samischen Sprachen, so mein Gesprächspartner aus dem schwedischen Sametinget, „eine bessere Stellung bekommen, aber es gibt einen großen Mangel an Lehrern und Ausbildungen und Lehrmitteln. Das hat historische Gründe, weil Samisch früher keine Zukunftssprache für ein Berufsleben war. Das kann sich bis heute dahingehend auswirken, dass Samisch nicht genügend wahrgenommen wird. Aber ich glaube, dass das besser wird mit der Zeit und dass Samisch das beste kulturelle Kriterium dafür ist, wer Same ist.“ Aus Finnland und aus Südsápmi weiß ich, dass im Rahmen von Sprachförderprogrammen auch Nichtsamen zu Lehrern in Inarisamisch bzw. Südsamisch ausgebildet wurden – ohne sie wäre samischer Schulunterricht zur Zeit gar nicht möglich.

 

Die samische Gesellschaft ist vielfältig und sie ist im Umbruch. Wohl die wenigsten Probleme, sich als Samen zu definieren, haben die Fjällsamen, die Reneigner, die Renhirten. Es wird wohl so gewesen sein, dass in der Abgeschiedenheit auf den Tundren und im Gebirge die Eigenständigkeit am leichtesten durch die Jahrhunderte der Unterdrückung zu retten war. An der norwegischen Westküste hingegen, bei den Seesamen, war die Assimilierung gewiss am weitesten Fortgeschritten und sich dort auf „das Samische“ zu besinnen und eine samische Identität zu finden, ist auch innerhalb der samischen Gesellschaft recht konfliktbeladen.

 

Wir werden es erleben . . .

  

Hans-JoachimGruda, August 2012

 

Eine redaktionell überarbeitete Kurzfassung findet sich in der Zeitschrift der GfbV "Bedrohte Völker - pogrom", Ausgabe November 2012, und im Netz unter http://www.gfbv.de/inhaltsDok.php?id=2491&stayInsideTree=1&backlink=pogrom.php?id=74

 

 

   

Norwegen und Schweden streiten um  

die Rechte der Sámen

 

Nur ein Renweidekonflikt

oder gezielte Diskriminierung der Urbevölkerung?

 

Von Liane Gruda, Nils Torbjörn Nutti und Hans-Joachim Gruda

geschrieben im Oktober 2006

 

Die Sámen sind eine ethnische Minderheit im Norden Norwegens, Schwedens und Finnlands (und auf der russischen Kohlahalbinsel) - sie sind dort die Ursprungsbevölkerung. Sie haben Rechte, die ihnen die UN-Konvention ILO 169 und nationale Gesetze garantieren. So können Samen in den nördlichsten Gemeinden Schwedens wählen, ob sie ihre Kinder in einen samischen Kindergarten und auf eine samische Schule schickem möchten, oder auf eine schwedische und vor den Behörden in den samischen Gebieten hat jeder Same das Recht, seine Angelegenheiten in samischer Sprache vorzubringen und er hat Anspruch auf eine behördliche Antwort in seiner Sprache. Starke kulturelle Identifikation geht für die schwedischen Samen noch heute von der Renzucht und allem damit Zusammenhängenden aus.

 

Noch immer ziehen die samischen Renhirten mit ihren Tieren zu den Sommerweiden im Gebirge und auf den Tundren und kehren im Winter zurück in die Wälder des Mittelgebirges und des Flachlandes. Dass dies auch ein Zug über die schwedisch-norwegische Grenze darstellt, interessiert weder die Rentiere noch ihre Hirten! Das Recht der schwedischen Samen zur Sommerweide in Norwegen ist seit 1751 im Lappkodicillen, einem Vertrag zwischen den beiden beteiligten Königen, geregelt - und es gilt noch heute. So sind die Kälbermarkierungen im Sommer in Norwegen und die Schlachtungen im Herbst und die Scheidungen der Herden im Winter traditionelle und traditionsreiche Sammel- und Fixpunkte im Laufe des Renzüchterjahres.

 

Übergriffe des norwegischen Staates durch
"Norwegisierung" und"Wohlfahrtspolitik"

 

Doch der norwegische Staat dreht an den Verträgen! Als im Juli 2006 die schwedischen Samen der Wirtschaftsgemeinschaft Saarivouma Sameby zur Kälbermarkierung am See Altevatn in Norwegen ihr dortiges Rengehegein Betrieb nehmen wollten, um die Herden dort zusammen zu treiben, fanden sie ihren Zaun nicht mehr vor! Die norwegische Polizei hatte ihn im Auftrag der Renweidebehörde mit einem Helikopter abtransportiert. Die Samen sehen hierin mehr als nur einen Konflikt um Renweiderechte; der Renzüchter Bierra-Nisse erzählt:

 

"Ich bin Same aus Saarivouma Sameby; wir betreiben Renzucht im Gebiet von Altevatn, Bardu und Dividal/Anjavass in Troms Fylke Norwegen. Das Land dort wird von uns als Sommerweide genutzt. Es geht in diesem Konflikt um dieses Land, auf dem heute sowohl norwegische als auch schwedische Samen grenzüberschreitend Renzucht betreiben. Wir haben unsere Wohnsitze und unsere Herden im Winter im Gebiet Soppero in Schweden. Die Samen von Saarivouma und anderen Wirtschaftgemeinschaften ("samebyar") in Schweden haben seit undenklichen Zeiten Land auf der norwegischen Seite der Grenze bis hin zur Atlantikküste genutzt, samische Familien haben diesesGebiet besiedelt und genutzt, für Renweide, Jagt und Fischerei."

 

Der norwegische Staat hat dieses Land konfisziert und uns vertrieben, immer weiter nach Osten, näher an die schwedische Grenze heran. Dies geschah methodisch durch politische Beschlüsse und die Norwegisierung der Gebiete. Durch Konventionen hat man uns unseres Landes beraubt, über unsere Köpfe hinweg, ohne uns zu fragen oder auf unsere Proteste zu hören und wir wurden land- und rechtlos. Der schwedische Staat hat zu dieser Vertreibung Beihilfe geleistet, indem er die Interessen der Samen nicht vertreten hat und sich passiv verhalten hat in den Verhandlungen über die Renweiderechte zwischen Norwegen und Schweden. In dem Maße, in dem man sich das Land angeeignet hat, wurde es mit Norwegern aus dem Süden besiedelt, andere Wirtschaftszweige gefördert und in den letzten 30 bis 40 Jahren sogar norwegische Samen aus anderen Weidegebieten (Finnmarken) dorthin umgesiedelt. Der Sinn der Maßnahmen ist klar: Das Land soll entwickelt und industrialisiert werden und mit der modernen Zivilisation gesegnet werden, damit auch dort die regionale norwegische Wohlfahrtpolitik betrieben werden kann.“

 

Nun müssen diese Übergriffe aufhören!

Der Konflikt eskalierte weiter in den letzten Jahren durch Schikanen und Provokationen und fortgesetzten Übergriffen von Seiten des norwegischen Staates, unter anderem durch Niederreißen der Rengehege, neue politische Beschlüsse, die dem Lappcodisillen zuwiderlaufen, rechtswidrige Beschlagnahme von Fischernetzen, Behinderung der Berufsausübung sowie Forderung hoher Geldbußen für angeblich unzulässiger Weidenutzung und mehr. All dies geschieht im Jahre 2006, da wir glaubten, wir befänden uns in einer modernen Zeit und in einem Rechtsstaat, da die Rechte der Mensch respektiert werden!  

 

Wir Samen haben das Gefühl, dass es nun genug sein muss, nun müssen diese Übergriffe aufhören. Wir fordern, dass die Staaten zur Vernunft kommen und Verantwortung übernehmen und insbesondere Norwegen unserer Recht auf das Land anerkennt und dazu beiträgt, dass der Konflikt eine Lösung findet. Hat man den alten Vertrag, Lappcodisillen von 1751, versteckt und vergessen, den beider Staaten Könige zum Schutze und zur Sicherung der Rechte der Samen unterzeichnet haben? Dieser Vertrag kann ja nicht einseitig von einem Beteiligten aufgesagt werden und auch nicht von beiden gemeinsam, ohne auf den Rechten der Samen rumzutrampeln. Wir haben lange Zeit dafür gekämpft, unsere gestohlenen Gebiete zurück zu bekommen. Unsere Situation ist schwer genug und sollten wir noch mehr Land verlieren, wird das Überleben auf der Basis von Renzucht in diesem Gebiet nicht mehr möglich sein. Ein Teil unserer Identität als Volk der Samen ginge damit verloren.“

 

Was den Konflikt mit unseren samischen Kollegen, den Samen in Norwegen, betrifft, so sind unsere alten Sommerweidengebiete an die norwegischen Samen als Winterweideland gegeben worden, obwohl sie sich nach den natürlichen Gegebenheiten gar nicht als Winterweide eignen, weil es dort unter anderem an Renflechte mangelt. Sicher kann dort sporadisch für kurze Zeit geweidet werden, aber nicht einen ganzen Winter lang. Wir haben deshalb Weiderechte auf unseren Winterweidegebieten in Schweden angeboten, um das Problem zu lösen, jedoch ohne mit unserem Vorschlag Gehör zu finden - weder von Seiten der Samen noch des norwegischen Staates. Es hat den Anschein, als seien sie mit der Situation zufrieden und würden ihre Tiere mit pelletiertem Trockenfutter über den Winter bringen. Dass dieses Gebiet nur als Sommerweide anwendbar ist, so wie es seit Jahrhunderten der Fall ist, dass haben auch unsere samischen Kollegen in Norwegen verstanden, denn sonst müssten sie nicht mit Pellets füttern. Soll das aber die Zukunft der Renzucht sein? Darf der Staat einige auserwählen, die seinen Interessen förderlich sind und andere ausstoßen? Ich bin der Meinung, dass wir uns besinnen müssen und eine Lösung durch Gespräche finden müssen. Wir sind um des Überlebens willen zur Zusammenarbeit gezwungen. Denn niemand will wohl den anderen übervorteilen. Oder ist die Norwegisierung schon soweit fortgeschritten, dass wir Samen das Geschäft des Staates betreiben?“

 

Einsatz für Menschenrechte - nur ein Spiel für die Galerie?

Ansonsten haben wir in den letzten zehn bis zwanzig Jahren Norwegen als einen Staat gesehen, der sich für die Menschenrechte und auch für die Rechte das Samen eingesetzt hat, u. a. durch Unterzeichnung der UN-Konvention ILO 169, Bildung der samischen Vertretung "Sametinget" und zuletzt des "Finnmarksgesetzes" und mehr. Aber erstreckt sich in der Praxis das Wohlwollen nur auf die eigenen Mitbürger und Steuerzahler? Nun sieht es doch so aus, als wollte Norwegen die Samen nicht als ein Volk anerkennen, als die Ursprungsbevölkerung mit eigener Sprache, eigener Kultur und eigenen Wirtschaftsformen, das sich durch jahrhunderte- und jahrtausendelangem Gebrauch des Landes und der Gewässer das Rechtzur Nutzung erworben hat.  

 

 

Saarivuoma Stockholm Hans-Joachim Gruda Samen
23. 11. 2007 Stockholm; Foto: Hans-J. Gruda

 

 

Wir sind ein Volk, aber wir wurden als Ergebnis der Politik der Großmächte als Staatsbürger aufgeteilt auf verschiedene Staaten. Gleichzeitig haben sowohl Norwegen als auch Schweden in anderen Ländern gegen Unrecht und Ungerechtigkeit gekämpft. Oder ist das nur ein Spiel für die Galerie, um von dem eigenen schlechten Gewissen wegen begangenen Unrechts abzulenken?“ (Übrigens war es Schweden,das seinerzeit die Initiative zur Einsetzung der Kommission zur Ausarbeitung der ILO 169 ergriffen hatte.)

 

Viele Briefe der Lokalbevölkerung in Troms Fylke in Norwegen unterstützen die Samen in ihrem Kampf um die Rückgabe der alten Weidegründe und sie fordern von den norwegischen Politikern dasselbe. Dass die Bevölkerung die Samen unterstützt, das haben wir auch früher schon ohne Zweifel erfahren, in Begegnungen und Gesprächen und Beiträgen in den lokalen Medien. Nun erwarten wir dasselbe Verständnis von den Verantwortlichen in Oslo und Stockholm. Es wird Zeit, dass die Staaten und die Politiker Verantwortung übernehmen und den schönen Worten Taten folgen lassen um zu beweisen, dass man nicht nur Beschützer von Minderheiten und Fürsprecher einen multikulturellen Gesellschaft in anderen Ländern und gegenüber anderen Mitbürgern ist, sondern auch gegenüber seiner Ursprungsbevölkerung - den Samen!

 

P.S.:  

Am 23. November 2007 fand in Stockholm eine gewaltige Manifestation der Samen gegen die Renweidepolitik Schwedens und Norwegens statt. Organisator war Saarivuoma sameby aber es nahmen auch Samen aus anderen samebyar mit grenzüberschreitenden Weidegebieten teil. Samische Organisationen und Sametingparteien bekundeten ihre Solidarität, aus Deutschland war Gruda-Hannes aus Berlin dabei.

Siehe Bildergalerie und http://www.youtube.com/watch?v=DofSx1fmKS0

 

 

 

Saarivuoma Gáicačahca Dividalen Berlin kåta Sápmi
"Berlin-kåta", Gáicačahca, Dividalen, Saarivuoma

 

Internet-Informationen über die aktuelle Bedrohung der Samen und ihrer Kultur durch Montanindustrie und Energiewirtschaft (August/September 2013)   

 

http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2013/08/27/a0055 

http://www.avaaz.org/en/petition/Stop_mining_in_Jokkmokk/?aXOQadb&s=1

http://www.gfbv.de/aktuell.php

http://www.homo-peregrinus.de

http://mobil.kuriren.nu/default.aspx?id=6921161&p=

http://www.washingtonpost.com/world/europe/swedens-indigenous-sami-fight-for-way-of-life-as-miners-enter-ancient-reindeer-grounds/2013/08/29/31aedf72-1074-11e3-a2b3-5e107edf9897_story.html

http://www.t-a.no/nyheter/article8162631.ece#.Uh-dGGQayc0

http://www.pitea-tidningen.se/alvsbyn/renskotseln-en-forlorare-7720831-default.aspx#.UiEAbYwrXrE.email