Hej, bures, bures! 

 

Nach mehr als fünfzig Jahen im Norden und mehr als fünfunddreißig Jahren voller Erlebnisse, Begegnungen, Gespräche in Sápmi  und ungezählter gelesener Bücher und Artikel dachte ich, dass ich einiges dessen aufschreiben könnte, was ich über Sápmi und die Samen zusammengetragen habe, was über das Land und das Volk bei mir - hauptsächlich in meiner Seele - angekommen ist und gespeichert wurde. Das wird natürlich nur eine kurze Übersicht über den Hohen Norden Europas und meine persönliche Sicht auf dieses wunderbare Land und seine Bewohner. Denn die Geschichte der Samen ist lang und ihre gegenwärtige Situation, kulturell, sozial, ökonomisch, politisch, in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland ist komplex. Das - auch von mir - oft beschworene "neue Erwachen der samischen Urbevölkerung" ist zwar deutlich sichtbar, doch sind die Samen weit davon entfernt, eine homogene Gruppe zu sein und es ist noch nicht einmal so, dass jeder, der samischer Abstammung ist, sich auch ausdrücklich als Same versteht und darstellt.   

 

Ich muss ausdrücklich warnen: Ich werde zwar versuchen, objektiv zu bleiben, doch ich bin mit meinen Gefühlen auf der Seite meiner samischen Freunde, derer, die Samen sein wollen und für ihre Rechte eintreten. Von ihnen habe ich viel gelernt und ihnen bin ich zu Dank verpflichtet.

 

Über Sápmi, das Land und das Volk der Samen

 

Hoch im Norden Europas lebt das Volk der Samen. Ihre Wohngebiete erstrecken sich über die nördlichen Teile Norwegens, Schwedens, Finnlands und der russischen Kolahalbinsel. Die Samen sind das indigene Volk Nordeuropas im Sinne des „Übereinkommens über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern (ILO 169) von 1989“. Sie selbst nennen ihr Land Sápmi oder Sáme Ätnam das Land der Samen.

 

Sapmi Sametinget GfbV
Sápmi

 

Die Sápmi-Karte des schwedischen Sametinget, in der deutschen Bearbeitung von S. Naake (GfbV) 

 



Hier ist die Natur noch weiträumig ursprünglich und das Land bietet Platz für Stille und Einsamkeit – aber in seiner Wildheit auch für Herausforderungen – gerne auch  „Abenteuer“. Das Land ist dünn besiedelt. In der Gemeinde Jokkmokk zum Beispiel leben nur 5170 Menschen! Davon ca. die Hälfte im Zentralort Jokkmokk und alle anderen leben verteilt in kleinen Dörfern, Siedlungen und Gehöften in einem Gebiet, dass tausend Quadratkilometer größer ist, als Schleswig-Holstein und Hamburg zusammen. Die Gemeinde Kiruna ist mit 19.447 km2 so groß wie das deutsche Bundesland Rheinland-Pfalz. Nach dem Verständnis der Samen umfasst „Sápmi“ ein größeres Gebiet, als Finnmarken in Norwegen, die Landschaft Lappland in Schweden und die Provinz Lapin lääni in Finnland. Røros in Ostnorwegen gilt vielen als südlichster Punkt samischen Siedlungsgebietes und die Tersamen im Nordosten der Kolahalbinsel sind die östlichsten Samen. Von Trondheim nordwärts ist die norwegische Küste samisch. Zwischen Piteå und Luleå reicht Sápmi bis an die Ostseeküste.  .

 

Fennoskandien ist groß: Von Schwedens südlichstem Punkt bei Trelleborg bis zum Nordkap ist es ungefähr genau so weit, wie von Trelleborg zum Golf von Neapel in Süditalien! Aber im Norden dieses großen Gebiets, in Sápmi, wohnen nur wenige Menschen. Zum anschaulichen Vergleich die Einwohner je km 2.

 

Berlin-Kreuzberg                     12.385,0

Berlin                                           3.479,0

Deutschland                                 238,0

EU                                                  116,0

Schweden                                       21,6

Finnland                                          15,7

Norwegen                                       13,0

Lappin lääni                                     1,9

Finnmark fylke                                  0,6

Jokkmokk                                          0,3

Troms fylke                                        0,1

 

Sápmi Karta karta Visit Sápmi
Sápmi in Europa - Karte: Visit Sápmi

 

 

Im Flachland und in den Mittelgebirgen Finnlands und Nordostschwedens dominiert die Taiga, der nördliche Nadelwald. Nach Norden und Nordwesten steigt das Land an, der subpolare Birkenwald löst die Nadelwälder ab. Schließlich breitet sich die baumlose weite Tundra aus, am Fuße des Hochgebirges mit seinen Gletschern und tief eingeschnittenen Talgängen. Zum Nordatlantik, auf der norwegischen Seite, fällt das Gebirge steil zum Meer ab und gewaltige Fjorde schneiden weit ins Land ein. Viele Nationalparke liegen hier, die einzigartige Natur zu bewahren, und 1996 wurde von der UNESCO das 9.400 km 2 große Gebiet LAPONIA wegen seines kulturellen Wertes und seiner ökologischen Vielfalt zum Welt-Natur- und Kulturerbe erklärt.

 

Der höchste Berg Sápmis (und zugleich Schwedens), Kebnekaise (samisch Giebnegáisi), ist zwar „nur“ 2.111 m hoch, doch die Gebirge im Norden sind wegen der Temperaturen, der Schnee- und Eisverhältnisse und der Vegetation dennoch von hochalpiner Prägung. Die Baumgrenze, zum Vergleich in den Alpen  bei ca. 2.000 m, liegt in den Gebirgsregionen Sulitelma, Sarek und Kebnekaise nördlich des Polarkreises bei ca. 600 m! Der Stetind (Lulesamisch Státtájåhkkå) am Tysfjord (Lulesamisch Divtasvuodna) in Nordnorwegen ist gar "nur" 1.392 m. ü. d. M. hoch aber er ragt tatsächlich diese tausenddreihundertzweiundneunzig Meter aus dem Meer auf!

 

Hellmobotn Vuodnabahta Tysfjord Sápmi Norwegen
Mit dem Boot nach Hellemobotn (lulesamisk: Vuodnabahta) Tysfjord, Nordnorwegen

 

Elche, Rentiere, Luchse, Bären, Vielfraße, Wölfe, Seeadler, Steinadler, Schneeeulen, Marder, Auerhühner, Schneehühner – die Fauna des Nordens ist vielfältig! Elche und Rentiere wird der Besucher mit Hilfe eines einheimischen Guides leicht zu sehen und zu fotografieren bekommen. Bären, Vielfraße, Wölfe oder Luchse zu sehen wird jedoch nicht jedem Reisenden vergönnt sein.

 

Die Jahresdurchschnittstemperaturen liegen an der Ostseeküste Sápmis bei + 1 bis +2 Grad; in den Gebirgen an der schwedisch-norwegischen Grenze nur bei – 6 Grad (in den höchsten Regionen sogar nur minus 8 Grad). Der kälteste Monat ist der Januar mit bis zu – 49 Grad im schwedischen Teil (Rekord in Karesuando) und bis zu – 54 Grad in Finnisch Sápmi. Am wärmsten ist es im Juli: Im Jahresdurchschnitt  zwischen + 15 Grad an der Ostsee und + 10 Grad in den Bergen. Die wärmsten Tage in Sápmi wurden mit jeweils 34,5 Grad in Jokkmokk und in Gällivare gemessen. Damit man überhaupt eine Vorstellung davon bekommt, was diese Zahlen bedeuten, hier zum Vergleich die mittlere Temperatur in Berlin: Im Januar – 0,7°C, im Juli + 19°.

 

Polarnacht und Mitternachtssonne

Nördlich des Polarkreises sind die Winter durch kurze Tage gekennzeichnet. Je weiter nördlich, desto länger dauert die "Polarnacht". So geht die Sonne in Kiruna vom 21. Dezember an für 25 Tage und am Nordkap vom 18. November bis zum 24. Januar gar nicht auf. Doch gerade zu Beginn und am Ende des Winters ist es auch dann nicht völlig dunkel, wenn die Sonne nicht über den Horizont steigt, denn sie zieht ihre Bahn flach hinter dem Horizont und erzeugt mitunter eine fantastische Dämmerung in violett und blau. Und es liegt Schnee, der alles in der Landschaft hell erscheinen lässt. Bewohner des äußersten Nordens empfinden es bei uns in Mitteleuropa oder in Südschweden als "dunkel", weil kein Schnee die Nächte erhellt. Zum Ausgleich für den langen Winter sind die Sommer voller heller Tage. Die Sonne steht nachts so flach unter dem Horizont, dass es immer hell bleibt. Und ganz „oben“ im Norden scheint die Mitternachtssonne: In Kiruna geht die Sonne vom 27. Mai bis zum 15.Juli nicht unter und am Nordkap vom 23. Mai bis zum 19. Juli.

 

Sapmi Virihaure Mitternachtssonne Schweden
Kirchenkåta mit Glockenturm in Staloluokta vor der Mitternachtssonne (foto liane gruda)

 

Vor erst 8.000 Jahren ging hier die letzte Eiszeit zu Ende. Dem zurück weichenden Eis folgten die Tundren und mit der weiteren Erwärmung die Birken und Weiden und schließlich die Nadelwälder. Mit der Flora kamen die Tiere und mit den Tieren die Jäger - die Menschen. Den wildlebenden Renherden folgte eine Renjägerkultur – die Vorfahren der heutigen Samen. Die ersten Siedlungsspuren reichen zurück in die Jungsteinzeit. Die Menschen betrieben – angepasst an die jeweiligen Gegebenheiten der Klima- und Vegetationszonen – die Jagd auf Rentiere, Elche, Bären und an der Küste auf Robben; in Flüssen, Seen und in den Meeren fingen sie Fische. Tundra und Wälder gaben Beeren, Kräuter, Archangelica, Knöterichgewächse, Bärlauchgewächse und anderes Essbares.

 

rangifer tarandus (nordsamisch: buazu; Deutsch: das Rentier, die Rentiere; auch: das Ren, die Rene) ist die einzige Hirschart, bei der beide Geschlechter Geweih tragen. Die Tiere besitzen ein wunderbares System der Temperaturregulierung in ihrem Nasen- und Kopfraum; je nach Außentemperatur können sie das Blut zur Kühlung umleiten. Ob wohl Robert Lewis May um die Besonderheiten der Rentiernasenphysiologie wusste, als er 1939 sein Malbuch für Kinder schuf, mit Rudolph, dem rotnasigen Rentier und Johnny Marks, als er das Lied schrieb? Um der Mittagswärme und den Mücken zu entgehen, begeben sich die Tiere oft hoch hinaus in die kühlen Bergregionen und auf Schneefelder. Die Haare ihres Fells sind hohl und damit besonders gut isolierend. Zudem besitzen sie eine Unterwolle. Ihre Hufe spreizen sich beim Auftreten und verbessern so die Auflage auf Schnee und im Morast. Rentiere haben eine Widerristhöhe von ca. 85 cm bis ca. 140 cm, sie erreichen Gewichte von bis zu 340 kg. Sie ernähren sich von Gras, Blättern, Flechten, Moosen, und Pilzen (nicht wenige Samen essen keine Pilze, um nicht das Tierfutter wegzuessen). In den Wäldern dienen die Bartflechten usneabarbata (schw.: skägglavar) als Nahrung. Rentiere können mit ihren Hufen tief in den Schnee hinuntergraben, um an Futter zu gelangen. Ist jedoch der Boden am Ende des Herbstes sehr nass und gefriert dann, bevor der Schnee ihn isoliert hat, wird es schwer für die Tiere. Oder wenn im Laufe des Winters, besonders in der Jahreszeit, die die Samen "Frühlingswinter" (nordsamisch Gïjre-daelvie, schwedisch vårvinter) nennen, wärmere Perioden den Schnee tauen lassen und es dann wieder kalt wird und alles hart gefriert, dann führte dies in früheren Zeiten zu Verlusten; heutzutage wird dann mit Trockenfutter zugefüttert oder die Tiere werden mit Lastwagen in günstigere Weidegebiete verbracht.

 

Im September und Oktober ist Brunftzeit. Die Hirsche kämpfen um jeweils zehn bis zwölf Weibchen. Die Tragzeit beträgt etwa 230 Tage. Die Weibchen bringen im Frühling in jedem Jahr an der gleichen Stelle auf schneefreien Flächen normalerweise ein oder zwei Kälber zur Welt. Wenige Minuten nach der Geburt beginnen die Kälbchen Muttermilch zu trinken; nach nur einer Stunde stehen die Neugeborenen und einige Tage später schließen sich Mutter und Kälbchen wieder der Herde an. Nach einem Monat essen die Kälber Gräser.

 

Die männlichen Tiere werfen ihr Geweih im Spätherbst. Die weiblichen Tiere behalten ihr Geweih bis ins nächste Frühjahr, um sich den Winter über bei der Futtersuche im Schnee gegen die männlichen Tiere besser durchsetzen zu können (vag smart!).

 

rangifer tarandus kommt in Sápmi in zwei Unterformen vor. Das Waldren (r. t. fennicus) ist relativ standortgebunden und wandert nur kurze Strecken in den Wäldern (Nordostschweden, Nordfinnland und Russland). Das Waldren ist größer als das Tundraren. Das Tundraren nomadisiert zwischen den Sommerweiden auf den Tundren und den Wäldern der Mittelgebirge und des Flachlandes und legt dabei mehrere hundert Kilometer je Richtung zurück.  

 

 

Die Ursamen (und die "Protosamen") lebten von der Rentierjagd, vom Fischfang und von der Jagd auf andere Tiere: Robben an der Küste, Elche in den Wäldern, Schneehuhn (Nordsam. giron) und anderen essbaren Vögel und so weiter. Mit dem Beginn der Besiedlung des Nordens durch Europäer wurde diese Lebens- und Wirtschaftsweise unter Druck gesetzt und man ging dazu über, die Rentiere halbdomestiziert als persönliches privates Eigentum zu bewirtschaften. Es war eine intensive Renwirtschaft. Die Reneigner waren ständig bei den Herden und folgten ihnen auf den langen Zügen zwischen Winterweide und  Sommerweide. Entlang der Migrationsrouten wurden jeweils temporär bewohnte Siedlungen angelegt. Hausrat und Kleinkinder wurden mit gezähmten Rentieren transportiert (bei Schnee mit Schlitten, ohne Schnee als Packtiere). Im Winter wohnt man im Flachland, gerne bei Ortschaften oder bei Bauern/Siedlern. Im Frühlingswinter begann der Zug der Tiere und Menschen aus den Wäldern auf die langsam schneefrei werdenden Tundren und immer weiter bis zu den Sommerweiden im Fjäll. Unterwegs werden im Mai auf schneefreien Stellen die Kälber geboren. Die Menschen hatten Frühjahrssiedlungen und Sommersiedlungen. Bei den Frühjahrssiedlungen hielt man die Herden eine Weile zurück (mit Steinwällen und Zäunen), um sie melken zu können und überhaupt, um nicht jeden Tag weiter ziehen zu müssen, sondern in "Sprüngen" so zu sagen. Zwischen den Siedlungen hatte jede Siida (Gruppe) ihre Übernachtungsstellen. Am Beginn des Sommers werden die Herden gesammelt, um die neuen Kälber zu markieren (durch Kerben an den Ohren). Am Ende des Sommers gingen dann alle, Tiere und Menschen, wieder zurück (die Frühjahrssiedlungen waren dann die Herbstsiedlungen)  hinunter in die Winterweidewälder. Etwa im Oktober werden die Tiere gesammelt und es wird geschlachtet. Vor endgültigem Erreichen der Winterweide (etwa um den  Jahreswechsel bis Anfang Februar, je nach Wetter) werden die Tiere wieder gesammelt und die Herden werden geteilt, nämlich auf die Siidas verteilt, zur Betreuung den Winter über - das ist die Renscheidung (renskijling).  

 

Auf der norwegischen Seite Sápmis liegen die Sommerweiden an der Atlantikküste und die Winterweiden im Binnenland.

 

In Finnland lebt hauptsächlich das Waldren, das bedeutend kürzere Migrationswege zurücklegt, als das Fjällren und es ist heute in einem gesetzlich geregelten Renzuchtgebiet nahezu "standortgebunden".    

 

Rene Rentiere Sapmi Lappland Schweden Tundra
Sommerweideplätze der Rene auf der Tundra, Sápmi, Schwedisch Lappland (foto liane gruda)

               

Ungefähr seit den 1960er Jahren wich diese Wirtschaftsform einer extensiven Renwirtschaft. Mit Motorschlitten,  Geländemotorrädern, Quads, Wasserflugzeugen, Helikoptern, überspringt man die Zwischenstationen und begibt sich direkt zu den Sommersiedlungen. Nur noch wenige hauptamtliche Hirten sind das ganze Jahr über bei den Tieren zur Bewachung vor Raubtieren und zur Kontrolle, ob genügend Zugang zu Futter besteht. Die Familien kommen dann zur Kälbermarkierung und bleiben nur wenige Tage oder ein paar Sommerwochen im Fjäll - eine wunderschöne Zeit für alle! Ansonsten leben sie von anderen Berufen: Bei der Bergbaugesellschaft, in Werkstätten, als Lehrer, in der Touristik, als Künstler und so weiter, alles ist dabei. Zu den großen Ereignissen im Jahreskreislauf sind sie aber alle wieder zusammen bei den Tieren draußen in der Natur: Kälbermarkierung, Schlachtung, Renscheidung.

 

Einst folgten also die Jäger, die Fjällsamen, den Herden und waren selbst Nomaden. Sie jagten mit Fanggrubensystemen und mit Pfeil und Bogen. Sie lebten in mit Tierfellen gedeckten Hütten und Stangenzelten, kleideten sich in Felle und sie bewegten sich im Winter auf Skiern, als deren Erfinder sie gelten. Sie nutzten das Land und das Wasser, ohne „Eigentum“ oder „Besitz“ daran zu kennen. Wie den meisten naturnah lebenden, denkenden und fühlenden Völkern war den Samen die Vorstellung von „Landbesitz“ fremd.

 

Es wird um 1000 n. Chr. Gewesen sein, dass die Jäger und Sammler des Nordens begannen, einzelne Rentiere zu zähmen und bei sich zu halten. Gezähmte Tiere wurden benutzt, um wildlebende Herden anzulocken. Gezähmte Tiere wurden zu Last- und Zugtieren ausgebildet und bei den Nomadenzügen zu Transportzwecken eingesetzt. Muttertiere wurden gemolken und die Milch verzehrt und verarbeitet.

 

Entlang der Migrationsrouten der Rentiere suchten die Jäger und suchen noch heute die Hirten immer wieder die gleichen Plätze auf für ihre Rast, für Übernachtungen und für die temporären Siedlungen, dort wo es Wasser – auch gern fischreich – gibt, der Ort windgeschützt liegt und Brennmaterial vorhanden ist (z. B. Weide) oder von nicht allzu weit her mitgebracht werden konnte. Archäologen finden und untersuchen Feuerstellen an alten Kåtenplätzen, und haben solche Feuerstellen gefunden, die seit über tausend Jahren immer wieder von Menschen benutzt werden. Eine schöne Vorstellung, an einem Feuerplatz zu rasten und sein Mal zuzubereiten, an dem schon so viele Generationen zuvor saßen. Auch wer sich als wandernder Gast in der Natur Sápmis bewegt wird seine Rast- und Lageplätze nach den alten Regeln (vindskydd, vatten, ved) suchen und vorhandene Feuerstellen finden und nutzen, auf dass nicht das ganze Fjäll bald mit Feuerstellen übersäht wäre.

 

Im Mittelalter, als die Wälder Mitteleuropas in Acker- und Weideland umgewandelt wurden, wurden die großen Wälder im Norden zur Quelle für Pelzwaren: Luchs, Biber, Bär, Zobel, Hermelin, Wolf, Fuchs, Eichhörnchen waren begehrte Handelswaren. Händler aus Westen (Norweger), Süden (Schweden) und Osten (Russen) nutzten das Fehlen von Staatsgrenzen und von Staatsgewalt für sich. Im heute schwedischen Teil Sápmis waren es dann seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts die Birkarlar, die – ausgestattet mit königlichen Privilegien – den Handel organisierten. Die Samen erlebten eine ökonomische Blütezeit, sie waren Teil eines funktionierenden Handelsnetzes unter Führung der Hanse. Wollstoffe und Silberschmuck hielten Einzug in die samische materielle Kultur.

 

Die Ostsamen wurden im 16. Jahrhundert einer Einwanderungswelle aus Sibirien ausgesetzt. Die Komi, ursprünglich aus Zentralsibirien stammend, wanderten mit sehr großen Rentierherden ein und die Samen zogen sich auf den Nordteil der Kolahalbinsel zurück.

 

In der Mitte des 16. Jahrhunderts war die Aufteilung zwischen den Mächten im Norden Fakt. Der Druck auf die Samen durch die staatlich geförderte Ansiedlung von Neubauern (nybyggare) war stark: Die Lebensweise der Samen geriet immer mehr in Konflikt mit den Bedürfnissen der Siedler – und umgekehrt! Ein Teil der Samen wurde sesshaft und lebte fortan von Viehwirtschaft (Kühe, Ziegen) in den Wäldern und vom Fischfang. Viele jedoch gingen über zu einer intensiven Renwirtschaft. Die Tiere wurden Individualeigentum, obwohl sie weiter frei von Weide zu Weide zogen; die Reneigner mit den Familienverbänden der Siida folgten ihnen und legten entlang der Wanderrouten temporär bewohnte Siedlungen an. Sie organisierten sich in Wirtschaftsgemeinschaften, Sameby.

 

Schweden Lappland Sapmi nybyggare Siedler
"nybyggare" - Siedlung zwischen Wald und Gebirge am Rande der Wildnis (foto liane gruda)

 

Feste Marktplätze und Markttage wurden eingerichtet. Hier trafen sich und treffen sich noch heute alle, die das Jahr über verstreut in der dünn besiedelten Weite des Landes wenig Kontakt zu anderen Menschen hatten. Handel wurde getrieben, Waren aus dem Süden gegen die Produkte der Wildnis des Nordens getauscht. Amtsangelegenheiten wurden erledigt und Gericht gehalten, denn die Obrigkeit war bei diesen Gelegenheiten präsent. Verabredungen wurden getroffen, geschäftliche und persönliche. Man verliebte sich, man verlobte sich und es wurde Hochzeit gefeiert. Und es wurde gefeiert! Und so ist es noch heute auf den traditionellen Märkten in Sápmi.

 

Noch immer sind die samischen Märkte Veranstaltungen für die  Samen und die anderen Bewohner des Nordens. Seit über 400 Jahren in ununterbrochener Reihe findet der Jokkmokks Vintermarknad vom ersten Donnerstag im Februar einen jeden Jahres für drei Tage statt. Geändert haben sich zum Teil die feilgehaltenen Waren – viel Unsinniges kommt heute aus der westerländischen Welt, was bald kaputt geht oder dessen Überflüssigsein bald zutage tritt – aber die frohe Stimmung ist geblieben.   

 

 

Jokkmokks Vintermarknad Wintermarkt Sapmi Schweden
Jokkmokks Vintermarknad (foto liane gruda)

 

Was dabei rauskommt, wenn eine Redaktion einen Reporter nach Sápmi schickt, der sich nicht auskennt und nur die Oberfläche sieht, wie einer, der nur ein Ritual beobachtet, ohne dessen Sinn zu erfassen, ohne die historischen Hintergründe und kulturellen Inhalte zu erkennen, kann man an dem Beispiel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ studieren. Im Dezember 2004 überschrieb eben dieser „Spiegel“ einen Artikel über den Jokkmokks Vintermarknad ganz dumm mit  „Karneval bei minus zehn Grad“. Der Reporter Ulf Grüner hat nichts verstanden und deshalb auch nichts erlebt, was das Wesen des Wintermarkts ausmacht. Die Oberfläche eines Bildes hat er vielleicht gesehen – nicht aber dessen Seele erspürt! Seine Assoziation war „Karneval“, weil er offensichtlich für das lebendige Treiben, das er sah und hörte, keine anderen Anknüpfungsmöglichkeiten zwischen seinen Ohren gespeichert hatte. Aber so mangelhaft ausgestattet hätte er seine schreibenden Hände besser von der samischen Kultur weggelassen. Vorträge, Konzerte, Theater und Begegnungen sind eben nicht für die Touristen gemacht und haben mit "Karneval" nichts zu tun. (Obgleich Touristen als Besucher willkommen sind, als Gäste.)

 

Aus dem Angebot des als „Karneval“ diskreditierten Wintermaktes hier ein paar Programmbeispiele für 2012: Thementage im Rahmen der Jokkmokk Winter Conference sind unter anderem "Transition from understanding to Action. A changing world: Human impacts and human challanges" und "Strategies and solutions: How to develop a joined understanding“ und "What if? How do we manage the challange?" Ist das typisch “Karneval” für Touristen, für einen Spiegel-Schreiber? Oder wie wär’s mit: ”Verheiratet, geschieden, zusammenleben oder Todesfall: Das Renwirtschaftsgesetz aus Genus- und Kinderperspektive.“ Oder vielleicht ist der deutsche Karnevals-Tourist mehr auf Mattias Åhrens (Professor für internationales Recht) Vortrag eingestimmt: „Das Recht auf Nichtdiskriminierung; das Recht, gleich oder verschieden zu sein und warum die Frage entschieden werden kann, ob den Samen das Fjäll gehört.“ Und für alle Karnevalstouristen, die vom ”Spiegel” aus Deutschland an den Polarkreis gelockt werden noch diese Empfehlung: Jane Juuso und Sylvia Saparr berichten über das südsamische Sprachprojekt  „Ich hole mir meine Sprache zurück!“ Und die Touristenkinder können ja derweil Elli-Karin Pavval zuhören, wenn sie samische Märchen auf Lulesamisch erzählt.

 

Und unser Freund Sture kauft jedes Jahr auf dem Wintermarkt seinen Jahresvorrat an großen stabilen Müllsäcken (ganz so, wie die Touristen beim Karneval in Köln, nicht wahr?!).

 

Der in Zeitschriftenartikeln, Radiobeiträgen, Fernsehfilmen geäußerte Eindruck, der Jokkmokks Vintermarknad sei ein touristisches Ereignis und es seien "heute hauptsächliche Touristen", die auf dem Markt anzutreffen seien, ist also falsch und zeugt von mangelnder Tiefenbetrachtung. Ich beobachte genau die gegenteilige Entwicklung. Denn . . . 

 

Seit dem 400-Jahre-Jubiläumsmarkt ist eine deutliche Veränderung zu bemerken. Die Veranstaltung "Jokkmokks Vintermarknad" wird noch deutlicher zu einer samischen Angelegenheit. Die Zahl der Marktstände wird kleiner - der kulturellen, politischen, informativen Veranstaltungen wird es mehr. Händler klagen über die hohen Standmieten, mit denen die Veranstaltungen finanziert werden. Jokkmokks Vintermarknad ist eventuell auf dem Wege, ein samisches Kulturfestival zu werden und seinen Status als "Markt" im engeren Sinne einzubüßen.

 

Ja, und wer 2012 zum ersten Mal auf dem Wintermarkt war, der bekam eventuell aus noch einem anderen und besonderen Grund einen verfälschten Eindruck, denn 2012 waren die niedrigen Temperaturen Gesprächsthema sogar unter den Bewohnern des Nordens! Wir durften die kälteste Nacht des Winters mit minus 42 Grad erleben und die ganze Marktwoche über stieg die Tageshöchsttemperatur nicht über minus 30 (meistens näher an minus 36) Grad. Wer nicht als Tourist eine Reise von weit her gebucht hatte und deshalb quasi fahren "musste", blieb wohl diesmal lieber zu Hause. Wer in Sápmi wohnt, kann auch mal einen Markt ausfallen lassen, wenn es zu kalt für einen Marktbesuch ist. Deutlich weniger Besucher waren daher auf dem Markt, es gab weniger Umsatz, die Veranstaltungen und Ausstellungen in warmen Räumen hingegen waren gut besucht.  

 

In Schweden betreiben noch ca. 15 % der Samen (ca. 4.600) Renzucht (Samiskt Informationscentrum Sametinget). Nach Angaben des norwegischen Statistischen Zentralbüros (Statistisk sentralbyrå) betrieben in Norwegen im Jahre 2012 ca. 7 % der Samen (ca. 3.000) Renzucht (davon ca. die Hälfte Frauen).    

 

Das Zusammenleben der Reneigner mit der sesshaften Bevölkerung und ihre Rechte zum Betreiben der Renweidewirtschaft sind durch staatliches Recht geregelt und die Samen besitzen gewisse Selbstverwaltungsrechte. In Norwegen und Schweden dürfen nur Samen Renwirtschaft betreiben, in Finnland darf dies jeder Bürger der Europäischen Wirtschaftszone mit festem Wohnsitz im gesetzlichen Renzuchtgebiet.  Die Renwirtschaft in Norwegen  ist geregelt im LOV 2007-06-15 nr 40: Lov om  reindrift, reindriftsloven  (Renwirtschaftsgesetz). Die schwedischen Reneigner sind  nach dem Rennäringslag (Renwirtschaftsgesetz) von 1971 in 51  Wirtschaftsgemeinschaften (samebyar) organisiert.  In Finnland gilt das Poronhoitolaki  von 1990 (Gesetz über Renhaltung). Die grenzüberschreitende Renweide wurde zwischen Norwegen und Schweden in einem Anhang zum Grenzvertrag von 1751 detailliert geregelt, im noch heute geltenden Lappkodicillen.

 

Die heutige samische Renwirtschaft ist in Schweden organisiert in 51 Wirtschaftsgemeinschaften mit Selbstverwaltungbefugnissen, den samebyar. Sameby ist sehr wohl mit „Samendorf“ zu übersetzen – dies darf aber nicht zu der falschen Annahme führen, es sei ein „Dorf“ in unserem Sinne des Wortes gemeint. „Sameby“ ist zugleich ein großes geographisches Gebiet, in dem die Renwirtschaft betrieben wird und eine Wirtschaftliche Vereinigung. Mehrere Reneigner bewirtschaften gemeinsam große Herden. Die Tiere sind Individualeigentum Einzelner. Das zu bewirtschaftende Gebiet ist nicht Privateigentum der Samen, sondern es unterliegt ihrem Nutzungsrecht als indigenem Volk. Die Gebiete erstrecken sich oft über hunderte von Kilometern entlang der Wanderwege der Renherden, auch über Staatsgrenzen hinweg. Innerhalb des sameby bestehen Familiengruppen (siida) zur gemeinschaftlichen Organisation der Arbeit.

 

Rene Rentiere Migration Tundra Sapmi Samen
Frühjahrsmigration der Rene auf die Tundra (foto liane gruda)

 

Es ist heute eine extensive Renwirtschaft. Die Herden bewegen sich frei und nur wenige Hirten sind ständig bei ihnen zur Aufsicht und zum Schutz vor Räubern und Raubtieren. Die Familien ziehen nicht mehr mit den Herden. Doch zu bestimmten Zeiten werden die temporären Siedlungen in der Abgeschiedenheit der Wälder, der Tundren und Gebirge mit Leben erfüllt. Mit Helikopter und Geländemotorrädern und „Quads“, wenn Schnee liegt mit Motorschlitten, ziehen die Reneigner und ihre Familien zu den Standorten der Rentiere und die kleinen Siedlungen erwachen zum Leben, so, wie es seit undenklichen Zeiten war. Und bei einigen Samen ist es wieder „modern“, zu Fuß zu wandern, sich auf Skiern zu bewegen oder mit dem Rentierschlitten zu fahren. Kälbermarkierung, Schlacht und Renscheidung sind die großen Fixpunkte im Jahreslauf der Rentiere und ihrer Hirten.

renmärke Rentiere Samen Sápmi
Carinas renmärke, Gabna Sameby

 

Im Frühsommer ist Kälbermarkierung. Die Tiere werden gesammelt und in großen Gehegen werden die neugeborenen Kälber an den Ohren mit den individuellen Markierungen ihrer Eigentümer gekennzeichnet. Jeder Reneigner besitzt seine registrierte Marke.   

 

Am verabredeten Tag treffen wir uns auf einem Parkplatz an einer schmalen Straße im Tal. Alle packen, was hinauf soll zur Sommersiedlung im Gebirge, wo die Rengärde für die Kälbermarkierung ist und die kleinen Übernachtungshütten stehen. Einige fahren mit Geländemotorrädern, einige mit Quads, einige wandern zu Fuß und einige fliegen mit dem Helikopter. Der Preis für den Flug wird nach Gewicht berechnet; Kartons und Taschen werden gewogen, Menschen stellen sich auf eine gewöhnliche Personenwaage und Carina nimmt ihren Hütehund Girio beim Wiegen auf den Arm.

 

 

Aufbau der "berlin-kåta"

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Die Hirten treiben die Tiere behutsam zur Rengärde. Sie sind zu Fuß mit ihren Hunden und mit Motorrädern unterwegs. Wenn sich die Herde den Fangarmen nähert, die sie in die Gärde leiten sollen, darf sie nicht gestört oder gar erschreckt werden, damit sie nicht wendet und die Arbeit von Tagen zunichte gemacht wird. Wenn die Herde in der Gärde ist, wird diese geschlossen und man lässt die Tiere erst einmal zur Ruhe kommen. 

 

Mehrere tausend Tiere laufen in der weiträumigen Koppel im Kreis. Nach der Aufregung des Zusammentreibens müssen sie sich erst wieder beruhigen und die Kälber zu ihren Müttern finden. Die Menschen verhalten sich außerhalb der "rengärde" ruhig, um diese Beruhigungszeit nicht zu stören. Erst wenn die Kälber wieder bei ihren Müttern sind und sich alle beruhigt haben (wir Menschen aus den städtischen Kulturen würden zur Uhr sehen und sagen, es hätte ungefähr eine Stunde gedauert) steigen dann die ersten mit ihren Lassos zu den Tieren hinein. In der sich bewegenden Herde erkennen sie an den Markierungen an den Ohren der Rentiere, wem das Muttertier gehört und fangen dann mit dem Lasso das dazu gehörende Kalb. Das Kalb wird auf den Boden gedrückt und festgehalten, während mit geübter Hand und scharfem Messer die Markierung eingeschnitten wird. "Für die Statistik" wird ein Abschnitt des Ohrs in die Tasche gesteckt - hinterher wird gezählt. Ich sehe nur vorbeilaufende Tiere, aber erkenne keine Ohrenmarkierungen, so dass mir die Familienmitglieder immer zurufen müssen, welches Kälbchen gefangen werden soll.  
 
kalvmärkning Rentiere Saarivuoma Samen
Kälbermarkierung - foto liane gruda

 

Im August und September ist Schlachtzeit. Die männlichen Tiere (sarv) sollen so dickgefressen wie möglich sein, dürfen aber noch nicht in der Brunft sein, damit das Fleisch nicht „bitter“ schmeckt. Die Tiere werden gesammelt und zu den Schlachtpferchen getrieben. Es ist von höchster Wichtigkeit, dass die Sarv-Schlachtung vor der Brunst abgeschlossen ist, denn ein Kunde oder Gast in einem Restaurant, der Renfleisch mit Brunstgeschmack zu essen bekommen hat, wird nie wieder Ren essen wollen und sicher schlechte Reklame für Renfleisch machen. Jeder Reneigner hat darum eine große Verantwortung. So um den 15. September sollte die Schlachtung erledigt sein. Heutzutage liegen diese Schlachtplätze an Straßen (zum Teil dafür angelegten Waldstraßen), damit mobile Schlachtereien dorthin gebracht werden können. Die EU verlangt Schlachthygiene, einschließlich Anwesenheit eines Veterinärs. Aber tausend und abertausende schwedischer Jäger erlegen jährlich in den Wäldern Elche und zerlegen sie draußen in der Natur, ohne Schlachtanlage und ohne Veterinär.

 

In einigen Renwirtschaftsgebieten - besonders in Norwegen - schlachtet man im Herbst neuerdings auch kleine und leichte männliche Kälber, die mindestens zweieinhalb Jahre alt sind; dazu auch die kleinsten und leichtesten weiblichen Kälber. Bei dieser Gelegenheit wird also eine Vorauswahl getroffen, mit welchen Tieren gezüchtet werden soll. Diese frühe Auswahl ist relativ neu, denn normalerweise trifft man die Zuchtauswahl unter den vierjährigen Tieren (Zuchttiere heißen auf Nordsamisch "varihat" und "vuobirsat").

 

Um aus den dicken Herbsttieren einen „lebenden Vorrat“ zu machen, hat man irgendwann einmal begonnen, einige Tiere vor der Brunft zu sterilisieren. Sie werden also nicht brünstig und ihr körperlicher Zustand, ihre Kondition, wird bis in den Winter hinein erhalten. Als Nebeneffekt wird dadurch erreicht, dass diese Tiere (härk) für die Arbeit als Trage- und Zugtier wesentlich leichter zu trainieren sind. So wurde schon in lange zurückliegenden Zeiten das gezähmte Ren zum gewöhnlichen Arbeitstier der Samen. Bevor die Tierschutzvorschriften der westerländischen Kultur Sápmi erreichten, war es üblich, zum Sterilisieren die Samenstränge mit den Zähnen durchzubeißen. Heutzutage wird eine spezielle Zange dafür benutzt, die ich in einer Ledertasche um den Hals gehängt habe, um sie schnell zur Hand zu haben, wenn das Rentier mit Lassos festgesetzt und zu Boden gedrückt ist. Bei den stärksten und wildesten Tieren sind wir mindestens drei Leute, die beim Sterilisieren festhalten. Angeblich – bitte, das ist sicher so ein „Getratsche“, skvaller, den die Jungs so verbreiten – sollen einige junge samische Frauen sich einen Spaß daraus machen, zur alten Sterilisierungsmethode zurückgekehrt zu sein.

 

Im Herbst werden die Herden gesammelt und in Gehegen geschieden. Das ist die Renscheidung, renskijling, damit sie getrennt nach Familiengruppen (siida) zu den Winterweidegbieten ziehen. Die Skiljnings-Gehege sind erheblich kleiner, als die Kälbermarkierungsgehege. Nachdem die Herden zusammengetrieben wurden (čohkket), genügen wenige geschickte und vor allem ruhige und besonnene Renhirten, die Tiere ins Gehege zu "geleiten". Wird dagegen gehetzt und aggressiv getrieben, kommt es vor dem Gehege zu Stau und die Herde beginnt zu rotieren und eine Menge Menschen sind erforderlich, die Herde unter solchen hektischen Umständen ins Gehege zu bringen. Zu dieser Zeit ist das Wetter ja oft unbeständig, es ist stürmisch oder neblig und es beginnt zu schneien; meistens sind mehrere Umgänge erforderlich, um alle Tiere auf die Siida zu verteilen. Der Herbst wird zu einer arbeitsreichen Zeit für die Renhirten und die Arbeit zieht sich bis in den Winter hinein.  Da die Gehege kleiner sind, als die Sommergehege, wird nicht mit dem Lasso gefangen, sondern die Tiere werden mit den Händen gegriffen. Die Tiere werden gezählt, registriert und (nach Entscheidung des jeweiligen Eigentümers) geimpft. Dann wird Tier nach Tier in die um das Hauptgehege anschließenden "kontor", den Pferchen der einzelnen Siida, verbracht. Bei den späten Scheidungen bei strengen Minusgraden (da sind doch minus sechsunddreißig keine Seltenheit) in dunkler Nacht ist das alles eine anstrengende Arbeit. Gut, dass wir das Gehege auf einer Stichstraße mit dem Auto erreichen und dass wir in einer bequemen wenn auch winzigen Hütte übernachten können, mit einem guten Ofen darin!

 

Renscheidung Samen Rentiere Sápmi
Renscheidung - renskiljning
Renscheidung renskiljning Samen Rentiere Sápmi
die Arbeit ist getan! foto liane gruda

 

Im Frühlingswinter beginnt der Jahreskreislauf von neuem. Die Tiere ziehen aus den Wäldern hinaus auf die Tundra. Auf den schneefreien Flecken werden die Kälber geboren und die Herden ziehen auf die Sommerweiden.

 

Im Sommer 2008 lag der Preis für ein Kilo Renfilé im schwedischen Supermarkt ICA bei 350:- skr. (ca. 40,- Euro).

 

Die Renwirtschaft in Norwegen  ist geregelt im LOV 2007-06-15 nr 40: Lov om  reindrift, reindriftsloven  (Renwirtschaftsgesetz). Die schwedischen Reneigner sind  nach dem Rennäringslag (Renwirtschaftsgesetz) von 1971 in 51  Wirtschaftsgemeinschaften (samebyar) organisiert.  In Finnland gilt das Poronhoitolaki  von 1990 (Gesetz über Renhaltung).

 

Das Bild des "realexistierenden Weihnachtsmanns" ist heutzutage streng verknüpft mit seiner Fahrt auf einem von Rentieren gezogenen Schlitten. Wo kommt diese Vorstellung her?

 

Nur die Samen benutzen seit Jahrhunderten gezähmte Rentiere als Lasttiere (wenn kein Schnee liegt) und als Zugtiere vor Schlitten (wenn Schnee liegt, und das ist oft und viel in Sápmi). Dort also muss gesucht werden und genau dort, bei den Samen, ist der norwegische Autor Roy Andersen fündig geworden!

 

Im Verlag Aschehoug erschien im Herbst 2012 sein Buch "Redningsmenn og lykkejegere" das ansich die Geschichte der 113 renzüchtenden Samen aus Finnmarken erzählt, die Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Regierung der USA nach Alaska zogen, um die dortige indigen Bevökerung, die Inuit, dabei zu unterstützen, eine sie künftig vor Hungersnöten bewahrende Renzucht zu etablieren. Anderson hat dafür amerikanische und norwegische Quellen über die Auswanderung von Samen durchgearbeitet.

 

Doch er erzählt in diesem Zusammenhang auch von dem Norwegisch-Amerikaner Gudbrand Lomen, der 1914 aus dem Valdres nach Alaska kam und dort eine Rentierfleisch Produktion aufbaute. Als er auf dem amerikanischen Markt expandieren wollte, organisierte ihm eine Werbeagentur eine Kampagne, eine "Weihnachtsmann-Show", mit der Lomen zusammen mit Inuit und Samen durch die Städte zog. Sie organisierten vorweihnachtliche Auftritte und Roy Andersen schreibt in seinem Buch von Filmen, in denen er gesehen hat, wie hunderttausende in den Straßen standen um den Weihnachtsmann zu sehen, wie er mit seinem Rentierschlitten daherkam.  

 

Roy Andersen ist überzeugt, dass diese samischen Veranstaltungen das moderne Bild des "Santa Clas" haben entstehen lassen - doch zumindest stark beeinflusst haben. So auch den Zeichner Haddon Sundblom, der seit 1931 für einen Limonadenhersteller in den USA deren Weihnachtswerbung mit seinen Zeichnungen vom Santa Clas schmückte. Es dürfte dem Graphiker nicht schwer gefallen sein, sich aus dieser Richtung beeinflussen zu lassen: Er ist Sohn schwedischer Einwanderer.

 

Die ursprünglichen religiösen Vorstellungen der Samen gehen davon aus, dass die Natur von göttlichen Mächten erschaffen wurde und noch immer von diesen Mächten beseelt ist. Aus dieser Vorstellung wird die Achtung vor der Schöpfung genährt. Es ist gleichermaßen wichtig, in Einklang mit der Natur zu leben, wie in Harmonie mit den Mitmenschen.

 

In der samischen Vorstellung von der Welt gibt es drei oder fünf "Welten" (in einigen Übersetzungen taucht das Wort "Sphären" auf und ich denke, dass damit nichts anderes gemeint ist, als mit "Welten" und dass das nur an der Übersetzung liegt).  Ganz gewöhnlich ist die Ansicht, die Samen hätten drei Welten: Die himmlische, die irdische und die unterirdische. Ich halte das aber nur für eine grobe Vereinfachung, die auf der Assoziation der christlichen Berichterstatter mit ihren eigenen Himmel-Erde-Hölle-Vorstellungen beruht. Nach meiner Erfahrung handelt es sich auf keinen Fall um "topographische" Abgrenzungen, sondern um "sachlich-funktionale" Abgrenzungen, denn alle Welten (oder Sphären, ganz gleich wie viele) werden von Göttern und göttlichen Wesen bewohnt, also wirkt das Göttliche nicht nur "im Himmel", sondern überall. In der irdischen Welt leben außerdem die Menschen und die Tiere. In der unterirdischen Welt weilen die Toten, die aber auch in der irdischen Welt wirken, indem sie uns Lebenden mit Ratschlag helfen und uns stets zur Seite stehen.

 

Die Götter der alten samische Religion

Rádienáhttje, auch Väráldaráde genannt, seine Frau Rádienáhkká und deren Sohn sind die obersten erschaffenden Götter. Rádienáhttje erschuf die menschliche Seele und gab sie weiter an die Stammmutter Máttaráhkká.

 

Sie und ihre Töchter Sáráhkká, Uksáhkká und Juoksáhkká sind die Göttinnen des Heims. Sie leben bei den Menschen in der kåta, dem Wohnzelt. Sie haben wichtige Aufgaben in Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Máttaráhkká bekommt die Seele des Kindes von Rádienáhttje und reicht sie weiter an Sáráhkká. Diese setzt sie in den Mutterleib ein. Sáráhkká beschützt die Frauen während der Schwangerschaft und hilft während der Entbindung, auch den Renkühen beim Kalben. Sáráhkká ist die meistgeliebte unter den Göttern und wird sowohl von Frauen als auch von Männern hoch verehrt.

 

Juoksáhkká bringt man Opfer, wenn man einen Sohn haben will (man glaubt nämlich, dass alle Föten anfänglich Mädchen seien). Uksáhkká nimmt bei der Geburt das Kind in Empfang und beschützt es bei seinen ersten Schritten. Sie wohnt in der Tür des Heims, der kåta, und beschützt die Menschen bei ihrem Ein- und Ausgang.

 

Verschiedene Naturphänomene wie Sonne, Mond, Gewitter und Wind werden als göttlich angesehen. Sie sind lebenspendend und haben gute und schlechte Seiten. Die Sonne (Biejvve) ist eine zentrale Göttin, die allen Geschöpfen Leben spendet. sie gibt Licht, Wärme und Fruchtbarkeit.  Das Gewitter (Horagalles oder Dierpmis) gibt Regen, der das Land grünen lässt und mit seinem Bogen, dem Regenbogen, vertreibt er böse Geister und Trolle. Bieggolmai herrscht über die Winde.

 

Der Gott der Jagd Liejbbeålmåj  herrscht über die wilden Tiere, Tjáhtjeålmåj über Flüsse und Seen.

 

Der Schamane (nordsamisch: noaidi, Lulesamisch: noajdde, Südsamisch: nåejttie, Skoltamisch: nōjjd, Tersamisch: niojte, Kildinsamisch: noojd/nuojd, Schwed.: noaide) gewährleistetet die Vermittlung zwischen den Menschen und dem Übersinnlichen. Er (gleichsam Mann oder Frau) ist Arzt, Sozialpädagoge, Magier und Priester im Dienste der menschlichen Gesellschaft. Ist das Verhältnis zwischen den Geisterwelten und den Menschen gestört, wird dies zur Bedrohung und der Noaide soll das Gleichgewicht zwischen den Welten wiederherstellen. Er reist durch die anderen Welten und besucht die Geister, um mit ihnen zu verhandeln und zu ringen. Ihm zur Seite stehen seine Hilfsgeister, oft in Tiergestalten. Vermisste oder gestohlene Seelen werden gesucht und zurückgeholt. Er findet und analysiert feindliche Gegenstände, die Schaden verursachen. Er erkennt verheimlichte, vergangene oder künftige Ereignisse. Gefährdete Seelen nimmt er in schützendes Gewahrsam. Er geleitet die Seelen ins Reich der Toten. Er übt die Jagdmagie aus und hilft beim Auffinden von Beute. Er ist der Opferpriester bei der Verehrung der Götter und Hüter der Traditionen.

 

Seine Trommel ist Wegweiser in die anderen Welten und Gerät zur Erreichung von Trancezuständen. Die Trommel des Noaiden ist kein Musikinstrument! Tobbe sagt, die Trommel sei „das Telefon des Noaiden, über das er mit den Geistern kommuniziert.“  Sie wird als Rahmentrommel aus dem Holz eines Baumes gefertigt, der dem Noaiden im Traum gezeigt wurde und mit der Haut eines Tieres bespannt, das dem Noaiden im Traum erschien. Lange können mitunter die Suche nach dem Baum und dem Tier währen. Das Trommelfeld wird mit Symbolen aus dem Leben und der Geisterwelt bemalt. Typisch ist dabei die Unterteilung der Trommelfläche in die drei Welten oder in mehr als drei Felder, wenn die Welten noch weiter unterteilt wurden. Der Noaide legt einen Messingring auf das Trommelfeld und schlägt mit einem Schlägel die Trommel. Der Messingring hüpft nun über die Trommel und aus dem Weg, den der Messingring über die Symbole nimmt, erfährt der Noaide, was ihm mitgeteilt werden soll.

 

Die Verehrung des Göttlichen fand an markanten Stellen in der Natur statt, den heiligen Wasserfällen oder Seen oder Felsformationen; auch bestimmte Steine (saite) wurden als Manifestation des Göttlichen angesehen. Bestimmte Seen, Quellen und Öffnungen in Felsen und im Boden galten als Durchlassstellen zwischen den Welten.
Sápmi Samen Religion Passeuksa Heilige Tür
Passe Uksa, Heilige Tür, Tarradalen, Sápmi (foto liane gruda)

 

Sápmi Samen Religion Svaipa Seite Manker
Svaipa-Seite, Arjeplog (Foto E. Manker, 1945: Medmänniskor i Norr)

 

Bierra Nisse hat mir strikt untersagt, einen von Randi gemachten schönen Silberanhänger mit dem Zeichen des Windgottes  auf der winterlichen Tundra an einer Kette um den Hals zu tragen! Als ich daraufhin mein Amulett im Rucksack verschwinden ließ, legte sich der Schneesturm und wir konnten noch am selben Nachmittag weiterziehen.

 

Königin Margareta schrieb am 6. August 1389 an den Erzbischof von Uppsala einen Brief mit der Mahnung, die Kirche möge die Lappen missionieren; sie würden des christlichen Glaubens bedürfen. Und so begann die Kirche am Anfang des 15. Jahrhunderts mit ihren Bemühungen, die Samen zu christianisieren. So richtig "ernst" wurde es in Glaubensfragen für die Samen aber wohl erst mit der Einführung des Evangelisch-Lutherischen Glaubens als Staatsreligion in Schweden (1593 wurden der Katholizismus und alle anderen christlichen Glaubensrichtungen verboten). Die Missionierung wurde zur Geschichte der Unterdrückung, Verfolgung und Bestrafung. Der Besitz von Trommeln wurde unter Todesstrafe gestellt und sie mussten abgeliefert werden und wurden verbrannt; nur wenige kunstvoll gemachte Exemplare sind in Museen erhalten. Das Joiken, eine samische Gesangsform, wurde als Teufelswerkzeug verboten. Heilige Plätze wurden geschändet. Heute sind die Samen in Schweden überwiegend reformierte Christen, teils in Erweckungskirchen und Freikirchlichen Gemeinden.

 

In Russland gab es keine Sonderstellungen für die Samen; sie wurden eingestuft als "Bauern" und steuerrechtlich und auch sonst behandelt wir Bauern. Die christliche Missionierung wurde von der Russisch-Orthodoxen Kirche nicht zwangsweise vorangetrieben aber wer sich taufen ließ, erhielt zwei Rubel und für zwei Jahre Befreiung von allen Pflichten. In Russland herrschte Glaubensfreiheit (vergl. z. B. "Sperensky-Verordnung" von 1822). Auf der Kolahalbinsel wurde der erste Same 1526 getauft.    

 

 

1826 kam der Priester Lars Levi Laestadius nach Karesuando (Gárasavvon),  wo zu der Zeit ein paar hundert Menschen wohnten, hauptsächlich Samen. Die meisten lebten in Armut und der Schnaps floss in Strömen. Laestadius begann seinen Kampf gegen den Alkohol. Ein samisches Mädchen soll ihm den Weg zum „wahren Leben“ gewiesen haben und er wurde der eifrigste und schließlich bekannteste Erweckungsprediger des Nordens. Buße ist ein zentrales Mittel zur Besserung. Nüchternheit wichtiger Teil des Kampfes gegen die „irdischen Sünden“ des Saufens, des Diebstahls und der Hurerei und was dem mehr an Sünde ist. Die Anhänger der nach ihm benannten Erweckungsgemeinden lebten und leben zum Teil noch heute sehr streng puritanisch. Bei den „strengsten“ unter ihnen sind Alkohol, Fernsehen, Verhütungsmittel, Blumenschmuck im Haus und auf Gräbern, Bilder an den Wänden, bunte Kleidung und Schmuck und Arbeit an Sonntagen verpönt. Die Frauen sollen keine modernen Hüte und Mützen tragen, sondern Kopftücher, Schlips und Kragen der Männer wurden verdammt. Alles Neue, und seien es Fahrräder, war zunächst verdächtigt, sündhaft zu sein. Es wird viel und lange aus der Bibel gelesen und gebetet, mitunter bis zum Erreichen von Ekstase – der „Erweckung“. Vieles von diesen Grundhaltungen findet man noch heute in den nördlichsten und abgelegensten Teilen Sápmis. Laestadianismus wurde von Nordnorwegen und Nordschweden nach Finnland, in die baltischen Staaten, nach Ungarn, Afrika und Amerika verbreitet. Die meisten Laestadianer leben heute in Finnland.

 

kyrka Kirche Jukkasjärvi Laestadius Altar
Laestadius auf dem Altarbild der Kirche in Jukkasjärvi (foto liane gruda)

 

Auch in der schwedischen Gesellschaft gibt es eine starke Nüchternheitsbewegung. Sie hat aber keine religiösen Beweggründe, sondern beruht auf den typisch schwedischen Vorstellungen von möglichst "absoluter" Freiheit, wozu dann eben auch das Freisein von Suchtmitteln gehört. Denn merke: Der Schwede macht sich nicht abhängig!   

 

Seit einigen Jahren besteht eine Arbeitsgruppe im Luleå stift für die Versöhnungsarbeit zwischen der Kirche und den Samen. Im Herbst 2012 fand in Kiruna eine Konferenz statt, auf der konkrete Vorschläge erarbeitet wurden, wie die Versöhnung vorangebracht werden kann. "Wir möchten zeigen, dass die Kirche dabei ist und die samische Kultur stärkt und dass wir für alle Samen da sind, nicht nur für die Renzüchter", sagt Pfarrer Ronny Thellbro  in Vilhelmina und betont, dass es die Kirche mit der Versöhnung ernst meint. Der von der Schwedischen Kirche vor ca. zwei Jahrzehnten eingeleitete Versöhnungsprozess hat nun bereits ein sehr konkretes Niveau erreicht. Immer mehr "Samepräst"-Dienste werden geschaffen.  

 

Siehe "Svenska kyrkans samiska råd, Betänkande från Arbetsgruppen om den samiska befolkningens representation i svenska kyrkan", Svenska kyrkans utredningar 1995 - 3, Uppsala.

 

Die Samen – die Urbevölkerung in Sápmi

Sápmi umspannt ein bogenförmiges großes Gebiet; es erstreckt sich von den nördlichen Teilen der schwedischen Provinz Dalarna entlang der norwegischen Nordwestküste und der westlichen Teile Nordschwedens über Norwegisch Finnmarken am Eismeer und Nordfinnland bis zur russischen Kolahalbinsel.

 

Die Samische Bevölkerung nach Angaben der Sameting insgesamt

ca. 80.000 - 100.00

 

davon in

Norwegen        ca. 50.000 - 65.000

Schweden        ca. 20.000- 40.000 

Finnland             ca. 8000

Russland           ca. 2000  

 

Die Samen sind das indigene Volk Nordeuropas im Sinne des „Übereinkommens über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern (ILO 169) von 1989“ der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO 169) und der im September 2007 von der UN-Vollversammlung nahezu einstimmig angenommenen "United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples". Peter Sköld vom Centrum för samisk forskning (Zentrum für samische Forschung) an der Universität Umeå schreibt:

 

"Wir wissen, dass es Samen in den nördlichen Teilen Fennoskandiens seit tausenden von Jahren gegeben hat. Waren sie die Ersten, haben viele gefragt. Das werden wir nie zu wissen bekommen, antworte ich. Aber unabhängig davon, wie sich die ersten Menschen hier oben im Norden selbst beschrieben oder verstanden, wissen wir, wann auch immer Archäologen und Historiker die Möglichkeit haben, sichere Beobachtungen zu machen, waren Samen anwesend. Und das reicht, um ihnen ein unanfechtbares Recht als Urbevölkerung zu geben."  (Peter ist jetzt Leiter des arktischen Forschungszentrums "Arcum" in Umeå.)

 

Bei Herder lesen wir: „Es ist ungewiss, wie weit hinab die Lappen und Finnen einst in Norwegen und Schweden gewohnt haben; das aber ist sicher, dass sie von den Skandischen Deutschen immer höher hinauf bis an den nordischen Rand getrieben sind, den sie noch itzt innehaben.“ J. G. Herder – Stimmen der Völker in Liedern. Zwei Teile 1778/79

 

Nikolas Sellheim (Lappland-Universität Rovaniemi) weist mich darauf hin, dass die auf der estnischen Insel Kihnu lebenden Menschen evtl. ebenfalls als eine europäische Urbevölkerung anzusehen seien. Sie betreiben Fischerei und Seehundjagd. Es besteht dort eine matriarchalische Gesellschaft; die traditionelle Ehezeremonie der Kihnu wurde  von der UNESCO 2003 zum mündlichen und immateriellen Erbe der Menschheit erklärt.

 

Mir sind an der finnisch-norwegischen Grenze Menschen begegnet, die sich selbst als Kväner bezeichnen und die vermuten, dass sie die Urbevölkerung dieser Region seien. Carl Schøyen erklärt in seinem Bericht von 1923 hierzu allerdings, dass die Norweger damals und in früheren Zeiten die Lappen "Finnen" nannten und zur Unterscheidung die Menschen im Osten, die Finnisch sprachen,  "Kväner" nannten und er lässt seinen Protagonisten, den Erzähler in der Ich-Form, den Lehrer Skouluk-Andaras, sich selbst als "vom Stamme der Kvänen" aus Pajala vorstellen.

 

 

Die Herkunft der Samen ist ungewiss. Seit dem Beginn der 2000er Jahre verdichten sich jedoch die Befunde, dass die Protosamen mit dem Ende der letzten großen Eiszeit als Jäger- und Sammlervolk aus Westen kamen, aus dem Gebiet an der heutigen Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Im KIERIKKI (Archäologisches Ausstellungs- und Erlebniszentrum bei der nordwestfinnischen Stadt Yli-Ii) finden sich auf zwei Schautafeln bedeutende Hinweise für die Theorie, dass die Samen von einer sehr alten Renjägerkultur herstammen, die in Südfrankreich die letzte Eiszeit verbrachte, als Nordeuropa vergletschert war und Mitteleuropa eine trockene Kaltsteppe. Danach haben die heute lebenden Samen die engste genetische Verwandtschaft mit den Basken. Mit dem Ende der letzten Eiszeit folgten diese Renjäger aus Westeuropa dem zurückweichenden Eis nach Osten und Norden. Sie folgten damit dem ihnen vertrauten Klima, der daran geknüpften Vegetation und der Tierwelt. Sie teilten sich in einen Strang, der die entstandene Ostsee nördlich umrundete und einen Strang, der südlich der Ostsee zog. Spuren dieser Züge sind die archäologischen Funde von Wellingsbüttel, Stellmo die Funde vom Titusweg in Berlin-Hermsdorf (im Heimatmuseum Reinickendorf) und die im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte im Schloss Gottorf gezeigten Funde. Da zu dieser Zeit noch viel Meereswasser im Eis gebunden war, lag die Küste der Nordsee damals viel weiter nördlich, ungefähr bei der Doggerbank, und viele Spuren der Wanderung liegen demzufolge heute unter Wasser. In einer erneuten kürzeren Zeit der Abkühlung verliefen die Züge weiter südlich; Funde belegen auch dies, zum Beispiel aus der Höhle Hohenstein-Stadel an der Lone auf der Schwäbischen Alb, zu sehen in Ulm. Im heutigen Schweden verblieb ein riesiges Inlandeis viel länger erhalten, als die Vereisung an den Küsten Norwegens oder der Ostsee. Dort kann es also keine Spuren der Renjägerkultur geben. Durch dieses späte Inlandeis ist die Fundlücke zwischen Südschweden und Nordschweden erklärt.


 

Die Herkunft der Samen aus Südwesteuropa wird bestätigt durch

 

Untersuchungen der Universität Pavia/Italien. Siehe "A Signal from Human mtDNA of Postglacial Recolonization of Europe", The American Journal of Human Genetics, Oktober 2001; 69(4): 844–852 / PMCID: PMC1226069,

 

und, lesenswert, Lars Beckmann: "Samerna - en genetisk unik urbefolkning. Fyra decenniers genetiska studier av svenska samer - från blodgrupper till mitokondriellt DNA", Umeå 1996,

 

sowie Siiri Rootsi, Universitetet i Tartu fra 2004: Phylogeography of Y-Chromosome Haplogroup I Reveals Distinct Domains of Prehistoric Gene Flow in Europe

und mittlerweile einigen mehr.

 

Bengt, früher Direktor des Museums Ájtte in Jokkmokk, meint, ihm seien die genetischen Verwandtschaften nicht so wichtig. Bedeutender aus seiner Sicht sei, dass es sich um eine deutliche kulturelle Verwandtschaft handelt. Eine ununterbrochene Renjägerkultur! 

 

Aus dem Osten kamen die genetischen, sprachlichen und kulturellen Einflüsse und Beiträge so spät wie erst vor ca. 2.700 Jahren!

 

Die Sprachen der Samen sind finno-ugrisch und am engsten verwandt mit dem Finnischen, was darauf schließen lässt, dass die Samen eine ältere Sprache zugunsten der Sprache der von Osten eingewanderten späteren Siedler aufgaben.

   

samische Sprachen
die samischen Sprachen (Anja Behnke, HU Berlin)

 

 

Die Sprachen der Samen gehören nicht zu den indoeuropäischen Sprachen, sondern zur großen Familie der finno-ugrischen Sprachen und sind am nahesten verwandt mit Finnisch. Die Samen haben bzw. hatten zehn verschiedene Sprachen, die noch unterschiedlicher sein können, als Bayerisch und Plattdeutsch, so dass ein Südsame aus Dalarna einen Ostsamen von der Kolahalbinsel nicht verstehen kann. Um sich untereinander zu verständigen benutzen die Nachbarn dann oft die Sprache des Landes, in dem sie leben (also zum Beispiel Schwedisch oder Finnisch). Am weitesten verbreitet ist heute das Nordsamisch, das in Nordnorwegen, Nordschweden und Nordwestfinnland gesprochen wird.   

 

Carl Schøyen schreibt 1918: ". . . und begegneten sich durch einen Zufall Lappen aus den verschiedenen Zeltdörfern, mussten sie sich durch die Sprache der Kvänen (Anmrk.: Finnisch) verständlich machen da sie nicht einmal für Gott ganz denselben Namen hatten, denn sie nannten ihn im Norden Ibmel und Jibmel und Jubmel, je weiter es nach Süden ging."  Carl Schøyens „Tre stammers møte: av Skouluk-Andaras beretninger“  (Gyldendal, 1918)

 

Zur Rettung der vom Verschwinden bedrohten samischen Sprachen werden Programme aufgelegt, Lehrer ausgebildet, Lehrmaterial geschaffen und Kurse eingerichtet. In ganz Sápmi finden wir heutzutage zweisprachige oder mehrsprachige Ortsschilder. Auf der zur UDSSR und heute zu Russland gehörenden Kolahalbinsel gab es nach der Russischen Revolution unter Lenin Schulen und Lehrmittel für die Völker der UDSSR, auch für die Samen. Mit der Machtübernahme durch Stalin endete die Politik der vielen Völker; alle sollten "Sowjetbürger" werden und Russisch sprechen, schreiben und denken. Nach dem Wechsel von der UDSSR zum heutigen Russland lebte auch auf der Kolahalbinsel das Kildinsamisch wieder auf und es gibt wieder Schulen, eine Rundfunkstation und eine Zeitung in dieser ostsamischen Sprache (mit Unterstützung der Samen in den anderen Ländern Sápmis).

 

In den samischen Verwaltungsgebieten werden Amtshandlungen auch in der jeweiligen samischen Sprache vorgenommen und es gibt samischsprachige Schulen. So ist seit dem 1. Januar 2013 Røyrvik in Nord-Trøndelag die zehnte samische Spachverwaltungskommune in Norwegen. Norwegisch und Südsamisch sind nun gleichberechtigte Sprachen. Drei neue Stellen wurden dafür in der Verwaltung geschaffen. Das Wichtigste aber ist, dass zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder Kinder in Südsamisch Unterricht erhalten werden! Nicht mehr als Fernunterricht. Projektleiter Astrid Kalvemo sagt aber, dass es noch eine Weile dauern wird, bis der Unterricht voll in Gang gekommen sein wird. Es wird in der Kommune noch andere Projekte geben, um das Südsamische, Sprache und Kultur, in der zu stärken, sagt Astrid. "Wir sehen eine gewaltige Mobilisierung hinsichtlich der südsamischen Sprache und der samischen Kultur ganz allgemein in Sápmi und es interessant, das zu beobachten"

 

Auch auf der schwedischen Seite Südsapmis, in Saxnäs, ist 2010 Unterricht in Südsamisch aufgenommen worden. Åsa hat sich dafür zum Lehrer ausgebildet.  

Umesamisch, Südsamisch und andere "kleine" Sprachen werden also wieder aktiv gefördert. Aus der vor einigen Jahren aufgekommenen Vorstellung einiger Samen, das weit verbreitete Nordsamisch zum "Gemeinsamisch" werden zu lassen, wird nun wohl nicht werden (obwohl es einige meiner samischen Freunde schon lustig finden, dass im schwedischen Sameting Dolmetscher beschäftigt werden müssen, um bei den Sitzungen zwischen den samischen Sprachen zu übersetzen). 

 

In den jeweiligen Grenzgebieten leben auf beiden Seiten der Grenzen Menschen, die als Muttersprache die Sprache „von der anderen Seite“ sprechen. Über viele Generationen vermischen sich dort die Sprachen und es entsteht eine neue Sprache, zum Beispiel das „Tornedalsfinnisch“ an der Grenze zwischen Finnland und Schweden. Meänkieli, (wortwörtlich „unsere Sprache“), finn. Tornionlaaksonsuomi. Doch selbstverständlich sprechen die Samen (und die Tornedalningar) auch ihre jeweilige „Staatssprache“. Als Fremdsprache ist Englisch weit verbreitet.

 

Durch Beschlüsse des (staatlichen) Lantmäteriverkets von 1983, 1988 und 2000 wurde auf allen Landkarten, die samischsprachiges Gebiet abdecken eigeführt, dass Ortsnamen in der samischen Schreibweise angegeben werden. Dabei können alteingebürgerte Namen zusätzlich in der schwedischen oder verschwedischten Fassung angegeben werden. Dies entspricht der Resolution 36/1972 der Londoner UNO-Konferenz über Standardisierung von Ortsnamen.

 

Nach der Lebensweise der Samen unterscheidet man in See-Samen, die hauptsächlich vom Fischfang leben (viele von ihnen leben an der norwegischen Küste und auf der Kolahalbinsel), die Wald-Samen, sie fischen in den Binnenseen und haben Ziegen und eine Rentierrasse, die im Wald lebt und nur kurze Strecken wandert, und den „Fjäll-Samen“ (Gebirgs-Samen), die mit den Renen zwischen Sommerweide auf der Bergtundra und Winterweide in den flachen Waldgebieten über weite Strecken nomadisieren.

 

Mit Beginn der intensiven Besiedlung ihres Landes durch Norweger, Schweden, Finnen und Russen wurden die Samen immer mehr in die abgelegene Wildnis abgedrängt und sie mussten sich an die neue staatliche Ordnung anpassen. Christliche Missionare kamen und die alte Naturreligion mit Schamanen als Vermittler zwischen den Menschen und der Geisterwelt wurde weitgehend durch das Christentum abgelöst.

 

Im Konflikt der Renjäger mit den Neusiedlern wurden die Samen zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu Eigentümern der Renherden und zu Renzüchtern und es wurde genau geregelt, welche Rechte und Pflichten sie haben, damit sie und die Siedler friedlich zusammen leben könnten. Tatsächlich gab es auch Symbiosen zwischen renwirtschaftlichen Samen und Neusiedlern derart, dass den Siedlern einige Rentiere gehörten, die bei den Samen gehütet wurden und Samen, die bei den Bauern Haustiere unterzustehen hatten oder bei deren Höfen Winterquartier nahmen.

 

Aber im Laufe der nächsten Jahrhunderte wurden sie immer mehr unterdrückt, weil sie ihre Kinder in Schulen schicken mussten, wo sie ihre Muttersprache nicht mehr lernten, ihre Gesänge (jojk) wurden als heidnisches Teufelsritual verboten, ihre Kultur wurde von der Kultur der Staaten, zu denen sie nun gehörten, überdeckt und in der Mitte des 20. Jahrhunderts waren sie besonders in Russland und in Norwegen ein wenig geachtetes Volk und wurden beleidigt und als arm und schmutzig und versoffen beschimpft.

 

Das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts brachten den Samen Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung. Sie wurden als primitiv, rückständig und minder intelligent bezeichnet, ihre Lebensweise galt als ungeeignet, das Land ökonomisch sinnvoll zu nutzen. Ein Beispiel hierfür ist ein norwegisches Gesetz von 1902, wonach nur der Land besitzen durfte, wer Norwegisch sprach. Sie sollten Norweger werden oder Schweden oder Finnen oder Sowjetbürger. Es war nicht von Vorteil, „Lappe“ - also Same - zu sein. Viele wählten den Weg in die Assimilation; sie gaben ihre Sprache nicht mehr an ihre Kinder weiter und vergaßen viele Traditionen. Doch besonders bei den Reneignern, den Fjällsamen, bewahrten sich die alten Lebensweisen, alte Traditionen und der Stolz, ein Same zu sein und eine große Renherde zu besitzen.

 

Es wird wohl so gewesen sein, dass es den sozialdemokratischen und sozialistischen Regierungen nach 1945 ein Anliegen war, nicht nur für „soziale Gleichheit“ und Gendergerechtigkeit zu sorgen, sondern auch ethnische und kulturelle Ungleichheiten zu beseitigen. So war – um dies als Beispiel zu nennen – „Norwegisierung“ vielleicht sogar gut gemeint, kanske, kanske inte – doch mit fatalen Folgen für die samische Identität. Tromsø beispielsweise war samisch aber Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde dort nur noch an der Universität Samisch gesprochen. Viele Samen hatten sich ganz in die „moderne Gesellschaft“ integriert und wollten nicht mehr daran erinnert werden, dass sie Samen sind.

 

Doch in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts besannen sich Samen wieder auf ihre eigene Identität als Volk, zunächst nur einzelne Gruppen, jedoch in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts war dies bereits eine allgemeine Bewegung in der samischen Gesellschaft. Länderübergreifend haben auch die Samen, wie vergleichbar die Indianer in Nordamerika, wieder angefangen, stolz auf ihre Eigenheiten zu sein, auf ihre Kultur und besonders darauf, dass sie eine Wirtschaft betreiben, die die Natur nicht zerstört, sondern sich an die Natur anpasst. (Das nennt man eine nachhaltige ökologische Wirtschaft.) Besonders in der norwegischen Finnmark wurde die Debatte um die Situation der Samen sehr gefühlsgeladen und es gab sogar verbreitet die Vorstellung, die Samen könnten den Wunsch hegen, sich vom Nationalstaat Norwegen zu lösen. Auf dem Hintergrund der „Norwegisierungspolitik“ scheint dies nicht zu verwundern. Doch letztlich fürchteten sich sowohl die Norweger als auch die Samen vor solchem „Extremismus“.

 

Samen samer Sapmi
stolze junge Samen (foto liane gruda)

 

Die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren gekennzeichnet von einem Erwachen des samischen Selbstbewusstseins – über die Staatsgrenzen hinaus. Die jungen Samen lernten wieder die Sprache ihrer Großeltern. Trachten, Traditionen, Kunsthandwerk erlebten stolzen Aufschwung. Seit 1986 haben die Samen aller Länder eine gemeinsame Flagge. Viele junge Samen sprechen untereinander samisch und die Trachten werden von ihnen stolz getragen. Viele junge Künstler und Sänger befördern die samische Art zu malen und zu singen in die Gegenwart. Künstler und Kunsthandwerker wiederholen nicht nur Traditionelles, zum Beispiel bauen sie Trommeln, sondern sie entwickeln aus den Traditionen eine lebendige samische Gegenwartskunst und eine tragfähige Zukunft. Jojk wird mit Musik zusammengeführt und aus den Trachten entsteht samisch inspiriertes wunderschönes Modedesign (wunderschön!). Samische Kultur ist nichts rückwärts Gerichtetes, sondern lebt in den Ideen und Handlungen der jungen Generationen.

 

Die heutigen Samen wollen modern sein und sie benutzen für ihre Wanderungen auch Hubschrauber und im Winter Motorschlitten, aber sie achten die Natur und zerstören sie nicht. Und noch immer gibt es die aktuellen Konflikte um die Renweidegebiete. Die Südsamen prozessieren jahrelang gegen die privaten Waldbesitzer. Im Norden „tobt ein Krieg“ zwischen schwedischen Samen und norwegischen Behörden um Sommerweiden, um Gehege für die Kälbermarkierung und um den Bau einfacher Renwächterhütten. In Finnisch Sápmi werden Wälder von der Zellstoffindustrie bedroht. Überall greift die Montanindustrie nach den Bodenschätzen. Die Stromwirtschaft hat Flüsse gedämmt und Weide- und Siedlungsgebiete überflutet und die Wanderwege der Renherden zerschnitten und in den Sommerweidegebieten auf den Tundren sollen nun  „Windparks“ entstehen –  für Strom, den die Samen (und die anderen Bewohner in den dünn besiedelten Gebieten des Nordens) gar nicht brauchen, für einen „Bedarf“ an Energie, der nur der Maßlosigkeit der Städte an der Küste und des Südens geschuldet ist, der Gier der westerländischen Wachstumsidiologie. 

 

 

Samen samer Sapmi Tracht skoter Motorschlitten
Traditionelle Kleidung - moderne Fortbewegung! Samischer Renhirte 2011 (foto liane gruda)

 

Was „Globalisierung“ auch bedeuten kann, erfuhren die Samen bitterlich 1986, als die Menschen in der fernen Ukraine nicht in der Lage waren, das Atomkraftwerk von Tschernobyl ordentlich zu betreiben und eine Kernschmelze verursachten. An die 75.000 Rentiere wurden südlich des Polarkreises getötet, weil ihre Körper mit radioaktivem Material verseucht waren. Noch heute, 25 Jahre danach, werden Cäsiummessungen durchgeführt (Cäsium als „Leitisotop“, anhand dessen Vorkommen auf die Gesamtbelastung hochgerechnet wird) und die Belastung des Fleisches wird durch Zufüttern von Fabrikfutter künstlich gesenkt, weil mit der natürlichen Nahrung in der Natur zu viel radioaktives Material aufgenommen wird.

 

Von weitem von außen und oberflächlich betrachtet, werden "Die Samen" leider häufig auf das Klischee "Ren züchtende (ehemalige) Nomaden" reduziert. Die Vielfalt samischen Lebens wird verschwiegen, sei es aus Unkenntnis oder aus Desinteresse. Das mögen meine samischen Freunde überhaupt nicht. In Norwegen zum Beispiel betrieben 2009 ca. 10 % der Samen Renwirtschaft.

 

Und nur noch wenige der Ren züchtenden Samen leben vollständig und ausschließlich von der Renwirtschaft, zum Beispiel als hauptamtliche Hirten der Samendörfer (samebyar). Sonst stehen sie in Arbeitsverhältnissen oder sie sind selbständige Unternehmer, gern in der Touristik oder der Nahrungsmittelwirtschaft. Doch ob Lehrer, Busfahrer, Lokomotivführer bei der Bergbaugesellschaft, Buchhalter oder Touristenführer – wenn die Natur und die Rentiere rufen, sind sie alle zur Stelle und arrangieren sich mit ihren jeweiligen Arbeitgebern oder mit ihrem eigenen Geschäftsablauf über die Freistellungen für die Arbeit mit den Rentieren, also hauptsächlich die Kälbermarkierung, die Schlacht und die Renscheide und die Jagd. Die Freiheit, in der Natur nach deren Gesetzten zu leben, ist für diejenigen unter den Samen, die sich dafür entscheiden von hohem Wert.  

 

Die samische Gesellschaft ist vielfältig. Die Reduzierung auf "Ren züchtende Nomaden" ist deshalb unzulässig. Innerhalb der samischen Gesellschaft ist ein lebhafter Prozess um die Selbstfindung im Gange und die nach außen erscheinende Dominanz der Reneigner wird von anderen Gruppen in Frage gestellt. Es ist eine spannende Zeit. Wir werden sehen . . . 

 

Die Reduzierung auf Renzucht ist also unzulässig. Es könnte ja als Antwort auf die übliche Oberflächlichkeit und Ignoranz eine Idee sein, ein "Deutschland Incomming" zu organisieren für Samen, die Deutschland besuchen wollen. "Besucht Deutschland, das Land der nomadisierenden Stahlzusammenschrauber! Die Deutschen gehen in ihren Fabriken traditionell dem Zusammenschrauben von Stahlteilen zu Autos und Panzern nach, das haben schon ihre Vorväter so getan und das geben sie an ihre Kinder weiter. Täglich nomadisieren sie zwischen ihren Einfamilienhäusern und ihren Autofabriken hin und her. Wir sind selbst mittendrin dabei, wenn die Deutschen sich in ihre Nahverkehrssysteme zwängen und ihre Autobahnen verstopfen und wir besuchen die "Autostadt" in Wolfsburg im Herzen Deutschlands und wenn wir ein bisschen Glück haben, dürfen wir dabei sein, wie ein VW-Golf zusammengeschraubt wird. Wir nehmen teil an einem traditionellen Eisbeinessen, dem Nationalgericht der Deutschen, und es gibt deutsche Originalwürste. Ein Höhepunkt unserer Reise durch Deutschland wird der Heimatabend im Hamburger Hafen mit "Schuhplattler", dem Traditionsvolkstanz der Deutschen, den Männern in ihren Lederhosen und den Frauen in ihren berühmten Schwarzwalddirdln. Dazu singt und jodelt Hansi Silberstein, der berühmteste deutsche Künstler. Auf der Fahrt von Wolfsburg nach Hamburg halten wir immer wieder einmal an, um den Resten der alten deutschen Religion nachzuspüren, die sich bis heute erhalten haben: Die "Gartenzwerge" in den Vorgärten ihrer Einfamilienhäuser und das gemeinschaftliche Biertrinken und Weißwurstessen in ihren "Kneipen", den traditionellen Kultstätten." Ja, so werden wir Deutschland und die Deutschen reduzieren auf das, was sich die Welt unter Deutschland und den Deutschen vorstellt.

 

Samische Selbstverwaltung. Seit Mitte der neunziger Jahre der 20.Jahrhunderts (ca. 1994) dürfen die Samen in allen Staaten, in denen sie leben, viele Dinge, die ihr Leben betreffen, selbst verwalten. In den Gemeinden, die in samischem Gebiet liegen, sind die Straßenschilder auch auf Samisch (allerdings nicht in Russland) und in den Gemeindebehörden darf man Anträge auf Samisch stellen. Es gibt Samische Schulen und Kindergärten. Es gibt Samische Zeitungen und Bücher, es gibt samische Radiosender (sogar in Kildinsamisch auf der Kolahalbinsel: КОЛЬСКОЕ СААМСКОЕ РАДИО) und in Guovdageaidnu (Kautokeino) wurde 1990 "Sami Allaskuvla", eine samische Hochschule, eröffnet

 

Die Samen aus allen vier Staaten haben eine gemeinsame beratende Versammlung, einen Nationalfeiertag (6. Februar), eine gemeinsame Flagge und eine gemeinsame Fußballnationalmannschaft.

 

Die "Selbstverwaltung" in den Samebyar ist (ganz unabhängig von den gesetzlichen Reglungen) etwas sehr lebendiges. Wenn zum Beispiel aus Anlass der Kälbermarkierungen die Sommersiedlungen bewohnt sind, gehen wir mit Carina und Bierra Nisse "ins Dorf", das heißt, wenn wir alle nach einer langen harten Markierungsarbeit ausgeschlafen sind, besuchen wir die anderen Familienmitglieder, die anderen Mitglieder der Siida und überhaupt "die Anderen". Es wird geredet. Viel geredet. Viel Kaffee getrunken. Die Meinungsbildung wird vorbereitet. Und nach jeder Markierungsarbeit, bevor alle erschöpft zu ihren Hütten und Lavvus gehen, stehen alle in Gruppen in der Rengärde oder außen herum in Gruppen und diskutieren. Diskutieren viel. Und diskutieren heftig. Die Meinungsbildung ist ein sehr lebhafter und lebendiger Vorgang.  Jeder, der etwas sagen will, kommt zu Wort.  

 

Doch Mitglied eines Sameby können nur Reneigner sein und damit sind alle anderen Samen von der Teilnahme an der Selbstverwaltung ausgeschlossen - ausgeschlossen von der Mitgestaltung der Zukunft ihres Landes, ihrer Heimat.

 

Sozialer Druck - von außen und von innen

Noch immer ist es nicht leicht, Same zu sein, denn allenthalben bekommt man zu hören, dass man als Same nichts Wert sei in der modernen Gesellschaft, dass die Samen rückständig und zurückgewandt seien und dass die Renzucht überall im Wege sei. Die Situation als Volk innerhalb der Staaten Norwegen, Schweden, Finnland und Russland wird als ausgeliefert und machtlos sein empfunden. Als junger Same kann man dadurch von außen dem Druck ausgesetzt sein, sich aus seiner samischen Identität zurück zu ziehen und sich einzuordnen in die Mehrheitgesellschaften und ihre Kulturen. Oft besteht also die einzige Möglichkeit, sich als Same stark und anerkannt zu fühlen nur innerhalb der samischen Gesellschaft, in der man sich beweisen kann als Renhirte, als Fischer, als Handwerker, als Musiker. Das erzeugt natürlich einen Druck innerhalb der samischen Gesellschaft, denn die höchste soziale Anerkennung wird nur den Besten zuteil. Und wer mit der Renzucht aufhört steht oft vor der existenziellen Frage: "Wer bin ich dann eigentlich noch?" 

 

Lars Jacobsson, Professor emeritus i psykiatri, Institutionen för klinisk vetenskap der Universität Umeå hat über psychische Erkrankungen und Selbstmord unter Renhirten geforscht. Es wurde deutlich, dass unter den Renhirten (Männern und Frauen) die Zahl der Personen mit Angstsymptomen signifikant höher ist, als in städtischen Vergleichsgruppen und in anderen ländlichen Gebieten. "Samische Renhirten berichten häufiger über Angst, als andere Bevölkerungsgruppen." Dasselbe gilt für Depressionssymptome. Der "risikobehaftete" Alkoholkonsum ist bei Renhirten ebenfalls leicht höher, als in den Vergleichsgruppen. Und schließlich gibt es unter Samen häufiger Selbstmordgedanken und -pläne, als unter Nichtsamen.


http://www.medfak.umu.se/digitalAssets/88/88043_jaconsson_2.pdf

 

 

Sápmi ist kein selbständiger Staat. Gleichwohl genießen die Samen in Norwegen, Schweden und Finnland eine gewisse Selbstverwaltung (ein bisschen Vergleichbar der kommunalen Selbstverwaltung in Deutschland). In Russland haben sie ebenfalls ein eigenes beratendes Gremium. Es gibt samische Schulen und in den Behörden im Siedlungsgebiet der Samen können Amtsangelegenheiten auch auf Samisch geregelt werden.

 

Ein Beispiel für Schweden: Nach dem Gesetz  „Lag om nationella minoriteter och minoritetsspråk (2009:724)“ (Gesetz über nationale Minderheiten und Minderheitensprachen) sind folgende Gemeinden samisches Verwaltungsgebiet: Arjeplog, Arvidsjaur, Berg, Gällivare, Härjedalen, Jokkmokk, Kiruna, Lycksele, Malå, Sorsele, Storuman, Strömsund, Umeå, Vilhelmina, Åre, Älvdalen und Östersund. Gemäß Kapitel 13 „Skollag (2010:800)” (Schulgesetz) sind in diesen Kommunen Samenschulen einzurichten, ”Sameskolan ska ge en utbildning med samisk inriktning som i övrigt motsvarar utbildningen i årskurserna 1-6 i grundskolan.” (also eine Schule mit samischer Ausrichtung, die im Übrigen einer sechsjährigen Grundschule entspricht).

 

Bierra-Nisse sagt hierzu: ”Men det betyder inte att det är gränsdragning varken för Lappland eller Sápmi. Det täcker i stora delar enligt Svensk lagdet samiska området i Sverige och att resurser kan utdelas till dessa områden för befrämjande av nationella minoriteter och  minoritet språk. Sápmi är ett större område enligt oss och kan inte bestämmas ensidigt genom Svensk lag som ett förvaltnings område. Det är bra att det finns men är inte heltäckande, känns nästan som ett reservat.”

 

(„Aber das bedeutet nicht, dass das eine Grenzziehung ist, weder für Lappland noch für Sápmi. Das deckt in großen Teilen gemäß schwedischem Gesetz die samischen Gebiete in Schweden und dass in diesen Gebieten Ressourcen vergeben werden können zur Förderung nationaler Minderheiten und von Minderheitensprachen. Wenn es nach uns geht, ist Sápmi ein größeres Gebiet und kann nicht einseitig vom schwedischen Gesetz als ein Verwaltungsgebiet bestimmt werden. Es ist gut, das es das gibt, aber nicht vollständig deckend; fühlt sich fast an wie en Reservat.“)

 

In Norwegen wurde zum 1. Januar 2013 Røyrvik in Nord-Trøndelag die zehnte samische Spachverwaltungskommune.

 

 

Die samischen "Parlamente" und der länderübergreifende Samenrat

 

Norwegen: http://www.samediggi.no/

Sametinget | Sámediggi

Ávjovárgeaidnu 50

9730Karasjok/Kárášjohka

tel +47 78 47 40 00

samediggi@samediggi.no

 

Schweden: http://www.sametinget.se/

Sametinget | Sámediggi| Sámedigge | Saemiedigkie

Box 90 / Adolf Hedinsvägen 58

981 22 GIRON/KIRUNA

tel +46-(0)980-780 30

kansli@sametinget.se

 

Finnland: http://www.samediggi.fi/

Saamelaiskäräjät | Sámediggi

Sajos

FI–99870 INARI

tel +358-(0)10 839 3100

info@samediggi.fi

 

Die samische Dachorganisation

Saami Council |Sámiráđi | Samerådet | Saamelaisneuvosto (Samischer Rat): www.saamicouncil.net

Fin-99980 Ohcejohka/Utsjoki

 

Die russische Куелнегк Соамет Соббар (Kuelnegk Soamet Sobbar (Versammlung der Kolasamen)) gibt es seit dem 12. 12. 2010 (etabliert in Murmansk). Die Samenparlamente in Norwegen, Schweden und Finnland haben sie als Vertretung der russischen Samen anerkannt. Sie ist nicht anerkannt von der russischen Regierung (prüfen!). Russische Samenorganisationen im Samenrat: Guoládat (njárgga) sámiid searvi GSS (Samische Vereinigung der Kolahalbinsel) und Murmánskka guovllu Sámesearvi (OOSMO) (Samische Vereinigung der Region Murmansk)

 

 

Herzlich Willkommen!

Bures boahtin! Hjertelig velkommen! Hjärtligt välkomna!  

Tervetuloa! Добро пожаловать!

 

Wer heute als Reisender nach Sápmi kommt, findet eine lebendige samische Kultur! Renwirtschaft, Kunsthandwerk, die samischen Märkte und die Trachten und die samischen Ortsschilder treten uns am markantesten entgegen. Unsere Freunde und Partner nehmen uns mit in ihre Welt in der Natur des Nordens. Und sie lehren uns die Kunst, nicht auf die Uhr zu schauen, sondern uns nach den Regeln der Natur zu bewegen und für eine Weile des Innehaltens in einer fremden Kultur zu leben! Offene gastfreundliche Menschen heißen uns willkommen!

 

 Hans-Joachim Gruda,

Berlin-Hermsdorf, im Herbst 2012

 

P. S.: Und die Hunde? Die wunderbaren Huskys? Das ist eine ganz andere Geschichte! Denn die Samen hatten für ihre Transporte als Packtiere und Zugtiere ihre Rentiere. Die Hunde der Samen sind Helfer beim Hüten der Rentierherden und bei der Jagd – keine Schlittenhunde! Das gleiche gilt für die Neusiedler. Sie hatten ihre Pferde als Arbeitstiere und auch ihre Hunde waren Jagdhunde und Hütehunde. Schlittenhunde wurden zuerst in Ostsibirien vor ca. 500 Jahren eingesetzt und kamen erst ungefähr im 17. Jahrhundert gelegentlich mit russischen Händlern (die sie aus Sibirien mitbrachten) als exotischer Einschlag, jedoch ohne sich in Sápmi zu etablieren. Die heute in „Lappland – Europas letzter Wildnis“ bei Touristen so beliebten Hundeschlittentouren und „Abenteuer“ und „Expeditionen“ sind also nichts Samisches und im engen traditionellen Sinne nichts Nordeuropäisches. Jedoch: Ich habe selbst die wunderbare Zusammenarbeit mit Siberian Huskys erleben und genießen dürfen und wir haben nun seit vielen Jahren selbst einen zu Hause. Aber das ist wirklich eine ganz andere Geschichte!

 

Unser Siberian Husky Čuobbu kam von Nordische in Not zu uns.

www.nordische-in-not.de/

 

Wir wurden für unseren Siberian Husky  trainiert von Gina Bittrich

www.sit-and-fit.de